Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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tion, veranlasst durch ein schweres Geburtstrauma, dessen nachtheilige Wirkungen leider durch das 
im Wochenbett zur Stillung, der wiederholten lebensgefährlichen Blutungen nothwendige Veifahren 
gesteigert werden mussten. (No. 8422) Von dieser Wöchnerin wurde die Krankneit clinch die 
untersuchenden Schülerinnen auf eine Schwangere übertragen, die schon am Abend voi dei Gebiut 
heftig fieberte und nach 4 Tagen starb (No. 8438). Ob auch die nächste tödtliche Erkiankung 
einer Infection zuzuschreiben ist, kann bezweifelt werden. Die Geburt fand am 12. Juli, einen 
Tag nach dem Tode der letztgenannten Kranken statt; um einer Infection vorzubeugen wai keine 
innere Untersuchung während derselben vorgenommen ; nichts desto weniger trat sogleich hohes 
Fieber mit heftigen Schüttelfrdsten ein; das lebensschwach geborene Kind starb nach 5 lagen an 
einer hämorrhagischen pleuritis; der am 8. Tage bei der Mutter auftretende Decubitus gi iff mit 
ungewöhnlicher Schnelligkeit um sich und führte schliesslich in der 4. Woche den lod hei bei, fin 
den sich in den Genitalien bei der Section keine Ursache auffinden liess (No. 8424). Zweifelhaft 
wird die Infection in diesem Falle auch dadurch, dass von den 6 nach dem 12. Juli bis zum 
2. August entbundenen Wöchnerinnen keine erkrankte, obwohl 4 derselben während dei Gebuit 
innerlich untersucht waren. Wohl aber war durch den erwähnten bedeutenden Decubitus eine 
neue Infectionsquelle in der Anstalt gegeben. Die Kranke starb am xi. August. An demselben 
Tage starb eine zweite Wöchnerin, die am 2. August entbunden und muthmasslich schon von ihr 
aus inficirt war (No. 8443), während eine andere 2 Tage später Entbundene verschont blieb. Die 
4 in den nächsten Tagen vom 13. bis zum 16. August entbundenen Wöchnerinnen aber erkrankten 
sämmtlich unter den für eine Infection characterischen Erscheinungen und ei lagen der Krankheit, 
2 am 21. (No. 8449 und 8433), 1 am 25. (Nr. 8 4 S4) und 1 am 26. August (No. 8461). Vom 
21. August an wurde nun mehre Wochen hindurch während der Gebuiten nur äusscrlich unter 
sucht und alle 12 in diesem Zeiträume Entbundenen hatten ein durchaus normales Wochenbett. 
Auch als darnach die innere Untersuchung wieder aufgenommen wurde, blieb der Gesundheitszustand 
in der Anstalt bis zum Schlüsse des Jahres ein höchst erwünschter. 
Aehnliche, wenn auch nicht gleich verderbliche Endemieen wiederholen sich leider von Zeit 
zu Zeit in der Anstalt, obwohl die Ventilation in derselben nichts zu wünschen übrig lässt und 
jeder Besucher sich überzeugen kann, dass eine reine und frische Luft in allen Iheilen des Ge 
bäudes herrscht. Bisweilen liessen sich solche Erkrankungen auf sogenannte epidemische Einflüsse 
zurückführen, indem gleichzeitig in der Stadt und Umgegend ohne alle directe Berührung mit der 
Anstalt, ja öfter auch an verschiedenen anderen Orten der Piovinz schwere Puerperalfieber oder 
verwandte diphtheritische, erysipelatöse, phlegmonöse Processe bei Nicht-Wöchnerinnen in grösserer 
Zahl zur Beobachtung kamen. Wenn einmal in der Anstalt eine Infectionsquelle entstanden ist, 
sei es durch Selbstinfection z. B. nach einem schweren Geburtstrauma, sei es durch eine Infection 
von aussen, so ist es unter den bestehenden Verhältnissen sehr schwer einer Weiterverbreitung 
vorzubeugen. Die räumliche Trennung der Gebärenden und W öchnerinnen, wie sie durch 4 gesonderte 
Abtheilungen mit je 4 Einzelzimmern ermöglicht ist, hat sich als eine unzulängliche Schutzwehr 
dagegen erwiesen. Sie kann auch nur wirksam sein, wenn man über ein nicht blos zahlreiches, 
sondern auch wohlgeschultes und pflichttreues Wartpersonal zu verfügen hat. Hier aber, wo die 
Wartung und Pflege den Hebammenschülerinnen obliegt, wechselt dasselbe mit jedem halben Jahre ; 
es befinden sich darunter oft wenig geeignete, unreinliche, unzuverlässige Personen, die aus Un 
verstand oder Bequemlichkeit die angeordneten Vorsichtsmassregeln ausser Acht lassen; jedenfalls 
bedarf es selbst für die Besseren unter ihnen einer längeren Zeit, um sie für ihren Beruf zu erziehen
	        

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