Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1874 (Band XXI.)

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war, gesellte sich im Februar ein schmerzhaftes Ziehen in allen Gliedern, vorzüglich in den Knieen 
hinzu, später eine allmählig sich zur Lähmung steigernde Kraftlosigkeit in den Ober- und Unter 
extremitäten, in welchen letzteren auch eine bis zu den Knieen hinaufreichende Gefühllosigkeit 
constatirt werden konnte. Dieselbe war bis zum 30. IV. wieder gänzlich verschwunden. Bei der 
im Mai erfolgten Aufnahme in die medicinische Klinik war die Kranke am ganzen Körper in hohem 
Grade abgemagert, sowol die Muskeln, als das Unterhautzellgewebe waren geschwunden; die 
Gesichtsfarbe war blass, die Pupillen auffallend weit. Die psychischen Functionen waren ungestört, 
ebenso die Functionen der höheren Sinnesorgane, mit Ausnahme einer leichten Schwäche des Seh 
vermögens in Folge von Mydriasis. Die Kreislaufs- Athmungs- und Verdauungsorgane boten keine 
Abnormitäten dar. Die willkürlichen Bewegungen der Kranken waren in hohem Grade beschränkt 
durch eine Lähmung, welche vorzugsweise die Muskulatur der Extremitäten betraf. Etwas besser, 
als diese fungirte die Muskulatur des Rumpfes dergestalt, dass die Kranke sich bei leichter Nach 
hülfe durch Aufstützen auf die Ellenbogen leidlich rasch im Bette aufzurichten vermochte. An den 
Extremitäten wurden die Muskeln der oberen Theile — der Schultern und der Obeiarme, des 
Beckens und der Oberschenkel - ziemlich prompt durch Willenseinfluss zur Verkürzung gebracht; 
dagegen war die Herrschaft über die Muskeln der Vorderarme und der Unterschenkel so gut wie 
gänzlich verloren. Diese Theile der Gliedmassen folgten durchaus passiv den Bewegungen der 
Oberarme resp. Oberschenkel; von einer Eigenbewegung durch Willenseinfluss war an ihnen, ab 
gesehen von einer ganz schwachen Flexion der Pinger beiderseits, nicht die Rede. Die Hände 
hingen in Flexionsstellung schlaff herunter, die Füsse verharrten beständig in vollständigster Exten 
sion. Auf dem Wege des Reflexes durch Reizung der Haut Hessen sich weder an den Muskeln 
der Vorderarme und Hände, noch an denen der Unterschenkel und der Füsse irgend welche 
Contractionen auslösen. Auch die electrische Erregbarkeit der Muskeln der Vorderarme und 
Unterschenkel war in dem Grade geschwunden, dass an keinem Theile derselben starke inducirte 
galvanische Ströme eine Zuckung auszulösen vermochten. Dagegen erfolgten leise Zuckungen an 
den Vorderarmmuskeln und an der Muskulatur der Waden durch einen Batteriesstrom von minde 
stens 30 Elementen. Die Streckmuskeln an den Unterschenkeln wurden jedoch selbst durch so 
starke galvanische Reizung nicht zur Verkürzung gebracht. Das Hautgefühl war an der ganzen 
Körperoberfläche normal. Jene schweren Functionsstörungen sind unter dem Einflüsse einer sorg 
samen electrischen Behandlung so weit beseitigt, dass augenblicklich die allgemeine Ernährung 
ihres Körpers eine durchaus normale, ihre Gesichtsfarbe eine blühende geworden, das allgemeine 
Kraftmass ihrem Alter und der kräftigen Entwicklung ihres Körpers entsprechend ist. Es ist ferner 
die Willensherrschaft über den grössten Theil der zuvor gelähmten Muskeln soweit wieder herge 
stellt , dass sie ihre Hände selbst zu den feineren Handarbeiten gebrauchen kann, und dass sie, 
wenn auch nicht ohne Anstrengung und nicht ohne leichtes Nachschleppen der Füsse anhaltend 
und rasch gehen kann. Ein besonders construirter Stiefel mit Zugapparat erhöht noch die Sicher 
heit des Ganges, und lässt kaum noch eine Störung beim Gehen erkennen. Von der früher be 
standenen Lähmung ist nur ein ganz unbedeutender Grad von Schwäche in den Streckmuskeln 
für die Hand und die Finger, und eine unvollständige Lähmung der Streckmuskeln für die Füsse 
und die Zehen übrig geblieben, welche letzgenannten Muskeln schon durch mittelstarke galvanische 
Ströme zur Contraction gebracht werden können. Der Umstand, dass die gelähmten Muskelparthiecn 
sich den galvanischen Strömen gegenüber nicht passiv verhalten, verlangt, dass die electrische Be 
handlung ununterbrochen fortgesetzt werde, zu welchem Zwecke die Kranke noch jetzt im Hospitale 
verpflegt wird.
	        

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