Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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des ausgegebenen Tons zusammen: wir verstehen ohne jede Begriffsvermittelung 
was uns der gehörte Hilfe-, Klage- oder Freudenschrei sagt, dem unser innerstes Be 
wusstsein sofort in dem entsprechenden Sinne antwortet. Die stufenweise aus der 
Interjection, dem Ton (diesem Grundelemente jeder menschlichen Kundgebung an das 
Gehör) zur Kunst entwickelte Musik repräsentirt deshalb die unmittelbare Einheit 
unseres inneren Wesens mit der äusseren Welt und verhält sich folglich zum Com- 
plexe der anderen Künste wie die Religion zur Kirche. 
So die Hypothese Schopenhauers, welche wir um so weniger glaubten unbe 
rücksichtigt lassen zu dürfen, als ein grosser Componist der Neuzeit, Richard Wagner, 
nur durch sie das Schaffen des inspirirten Musikers erklären zu können glaubte. Das 
Gewicht der Stimme eines solchen Gewährsmannes, der wie kein anderer als selbst 
schöpferischer Musiker die Controle der von ihm vertretenen Theorien in der eigenen 
Brust besitzt, wird kein Vorurtheilsloser verkennen, und nur dieses Gewicht wollten 
wir in die Schaale werfen. Eine Kritik des Systems Schopenhauers liegt jenseits der 
Grenzen unserer Aufgabe; genug, wenn wir nachgewiesen haben, dass selbst eine so 
grämliche Stirn wie die seinige sich aufhellt, wenn von der Musik die Rede ist. 
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Der Gang der Untersuchung über die Stellung der Musik in der Wissenschaft 
der Aesthetik war also der, dass wir uns zunächst klar zu machen suchten, was 
Aesthetik als Wissenschaft sei. Nachdem wir gesehen, dass dieselbe die Idee des 
Schönen an und für sich betrachtet (systematisch) zum Inhalt habe, versuchten wir 
diese Idee zu erörtern und sahen, wie sie in sinnlicher Gestalt nur im Kunstwerke 
sich manifestiren könne. Indem aber das Schöne als Kunst erscheint und, weil 
sinnlich, eines sinnlichen Materials bedarf, entsteht damit eine Climax von Kunst 
formen, als welche wir die Architectur, Sculptur, Malerei, Musik und Poesie näher in 
Betracht zogen. Unter Zuhilfenahme der Gesetze welche diese Klimax bestimmen, 
kamen wir endlich zu dem Resultate, dass Musik und Poesie die höchsten Kunst 
formen seien, worauf alsdann einige Vorzüge, welche jene vor dieser besitzt, näher 
dargelegt wurden. Hierauf ward die Wichtigkeit der Musik als Erziehungsmittel der 
Jugend betont, namentlich auf den Werth hingewiesen, welchen die Alten dieser 
Kunst für die Pädagogik beilegten; der lebhafte Wunsch, dass die Neuzeit ähnlichen 
Ansichten huldige, einte sich der Hoffnung, dass gleichzeitig die Pflege der Kirchen 
musik höheren Aufschwung nehme. Zum Schlüsse ward eine einzelne Meinung an 
geführt, mit der ein philosophirender Componist in der Musik selbst eine Idee der 
Welt zu erkennen glaubte, welcher jedenfalls imposante Gedanke als letzter Stein 
unseres Gebäudes verwendet ward. 
Möchte, weil ja in magnis voluisse sat est, der Erhabenheit des abgehandelten 
r lhemas gegenüber mindestens ein redliches Wollen nachsichtig zugegeben werden. 
Hamburg, 1872. 
H. U.
	        

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