Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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stete sittliche Stimmung) praktische (die eine zur dhat angeregte Stimmung) und 
enthusiastische (die eine begeisterte Stimmung wecken), sodann weist er darauf hin, 
wie mehrere nützliche Zwecke sich vereinigen, um derentwillen Jeder Musik treiben 
solle; nämlich erstens der sittlichen Bildung wegen und als kathartisches Mittel, 
zweitens zur genussreichen Ausfüllung der Müsse, endlich zur Erholung von ange 
strengter Thädgkeit. Die Wärme, mit welcher der Meister des kritischen Denkens für 
die Musik eintritt, die er „der Sterblichen süssestes Labsal“ (/2qorois ijSiaTcv eisiieiv) 
nennt, die Eindringlichkeit, mit der er nicht müde wird sie zu erheben und anzu 
preisen, die siegreiche Kraft seines Wortes macht noch heute den tiefsten, rührendsten 
Eindruck; es ist sicherlich mit das Schönste, was über die gewaltige Bedeutung dieser 
edeln Kunst je gesagt worden ist. 
Noch eine spätere Stimme aus dem Alterthume anzuführen sei gestattet — 
die des Plutarch. Auch er ist ein enthusiastischer Lobredner der Musik; seinem 
Soteriches leot er das Wort in den Mund: ein Mensch sei der Erfinder einer so 
vortrefflichen Kunst nicht gewesen, sondern ein mit allen Vollkommenheiten ausge 
rüsteter Gott, Apollo selbst. Der Philosoph führt dann aus, mit wie grossem Rechte 
die Griechen auf den Unterricht in der Musik so hohen Werth gelegt hätten, verbreitet 
sich weiter über den Nutzen der Musik (durch welche Terpander sogar einen Aufruhr 
bei den Lacedämoniern gestillt und Thaletes aus Creta die Lacedämonier geheilt und 
Sparta von der Pest befreit habe) und schliesst endlich mit dein Hinweis darauf, dass 
die Bewegung des Weltalls und der Lauf der Gestirne nicht ohne Musik geschehe 
und bestehe, was diese Kunst besonders ehrwürdig erscheinen lasse. „Wer ihrem 
Studium sich widmet und in der Jugend sorgfältig darin unterwiesen wurde, der wird 
sich später im Stande sehen, das Gute zu billigen und anzunehmen, das Schlechte 
aber zu verwerfen, in der Musik wie in anderen Dingen. Ein solcher Mensch wird 
sich jeder unedlen That enthalten, und sowie er von den Musen den grössten Nutzen 
geerntet hat, so wird wiederum er dem Staate nützen und sich weder unschickliche 
Handlungen noch unschickliche Worte zu Schulden kommen lassen, sondern immer 
und überall die Regeln des Anstandes und der Mässigung beobachten.“ Goldene 
Worte des Plutarch, bei denen uns unwillkürlich Ovids „didicisse fideliter artes emollit 
mores nec sinit esse feros“ einfällt. Und mehr als jede andere Kunst ist ja die Musik 
ein asperitatis et invidiae corrector et irae“ wie Horäz sagt; möchte daher die 
Ausbildung in ihr, welche nach Rosenkranz’ Worten „bei den Griechen die Gefasstheit 
und offene Besonnenheit mit seelenvollem Zwang in das Innerste des Menschen zur 
schönen Gewohnheit einschmeicheln sollte,“ auch bei der Erziehung unserer Jugend 
in erster Reihe berücksichtigt werden. 
Man würde damit der Musik nur einen Zoll des Dankes abtragen, denn zu 
einer Zeit wo unsere Sprache und Art noch auswärts wie bei uns missachtet war, 
erhub sich, sieghaft prangend, aus dem innersten Schoosse unseres Volkes die Wunder-
	        

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