Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Wenn aber nach Forchhammers Worten die Aufgabe Aller, die an der mensch 
lichen Gesellschaft Theil haben, darin besteht: zu sorgen, dass das Schöne werde, 
dann müsste zunächst der Musik als Erziehungsmittel eine Stellung zugewiesen werden, 
wie sie dieselbe im Alterthum einnahm, wo sie in der Pädagogik eine so grosse Rolle 
spielte. Bedeutete doch der Ausdruck „ein musikalischer Mensch“ bei den Griechen 
so viel, wie bei uns „ein gebildeter Mensch“! — Schon Pythagoras, der etwa 500 
Jahre v. Chr. die innige Verwandtschaft zwischen den Ton- und Zahlenverhältnissen 
scharfsinnig zuerst entdeckte, musicirte fleissig mit seinen Schülern, da er grosses 
Gewicht legte auf die Reinigung der Seele durch Musik: x,d&ctq<ris \Jaj%5js-, ryv <JW rris 
fxov(rtKY\s hxT^elav- Es blieb dann Theorie der pythagorischen Schule, dass die Musik vor 
allen andern Künsten geeignet sei auf Leib und Seele zu wirken, als eine Heilung 
der Disharmonieen Beider, {jrot^MV dv&qooTrlvoov l'cco-is aoopctTiKciov koc) Auch Plato 
nannte den Menschen vollkommen, dessen Körperschönheit und Einstimmung auf die 
des Geistes sich gründe: „dies ist der musikalische Mensch.“ So wichtig war diesem 
ernsten, von Drakon und Metellus aus Agrigent schon früh zu der hohen, majestätischen 
Würde der dorischen Tonart hingezogenen Philosophen die Musik, dass er das 
Musikalische für das psychische Band erklärte, welches nicht nur den einzelnen 
Menschen mit sich selbst in die lauterste Harmonie bringe, sondern auch dem' Staate 
Einen Willen, Eine Gesinnung, Eine unzertrennliche Kraft gebe, weshalb er einer 
weisen Regierung die strengste Ueberwachung der jeweilig herrschenden Musik empfahl: 
Gattungen der Musik neu einzuführen, warnte er, sei gefährlich; man wage dabei 
Alles. Indern Plato solchergestalt die Musik der ganzen Staatsordnung als Fundament 
unterlegte, war es nur folgerichtig, wenn er verlangte, alle Erziehung solle auf der, 
namentlich vom 14—16. Jahre unter der Leitung eines besonderen Aufsehers zu 
pflegenden Musik beruhen, da Zeitmass und Wohlklang vorzüglich in das Innere der 
Seele eindringen und dort auf das kräftigste eingeprägt werden, Wohlanständigkeit 
mit sich führend und also auch wohlanständig machend. Aus gleichen Gründen will 
er auch die Knaben schon mit den besten Werken der indischen Dichter bekannt 
gemacht und im Spiel der Kithara unterwiesen sehen, 'Ivcc y\ixs^o!>ts^oI Te oocri, ^ 
Ticy evctg/jiwTTCTegoi yiyvo/xevoi oocriv els to Aeyeiv Te ^ vr^dTTetv- Y\ds 
7ctg o ßtos Tov a,vSgoo7Tcv evQvSfxicis re iicy euu^oaTtois ci'e'iTou- — 
Auch Aristoteles stimmt mit diesen Principien, trotz seiner sonstigen Gegensätze 
zu Plato, völlig überein. Seine Zeit war reich an gediegenen Schriften über Musik; 
war doch der Musiker Aristoxenus, bekanntlich ein gründlicher Kenner und Kritiker 
seiner Kunst, der Schüler des Stagiriten. Wie nun nach Schillers Ausdruck die Poetik 
dieses unsterblichen Geistes noch heute ein wahrer Höllenrichter für den Dramatiker 
ist, so muss, was Aristoteles im achten Buche seiner Politik zu Gunsten der Musik 
als eines Erziehungsmittels anführt, gleichfalls noch heute Wort für Wort unterschrieben 
werden. Mit einigen seiner Vorgänger scheidet er die Gesänge in ethische (die eine
	        

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