Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Tonkunst ist ganz eigentlich das Resultat der christlichen Jahrhunderte und deren 
Stolz; seit jener ersten grossen That des heiligen Ambrosius, der vier Tonreihen, die 
s. g. Kirchentöne aufstellte, seit jenem Gregor, der das von dem Mailänder Bischof 
Geleistete so bedeutend erweiterte und als der eigentliche Gründer der modernen 
Musik angesehen werden kann, über jene Mönche Hucbaldus und Guido von Arezzo 
hinweg bis herab zu Luther und seinen grossen Zeitgenossen ist die Kirche die treue 
Mutter der Musik gewesen, bis endlich der Protestantismus, der germanische Geist, 
dieser Kunst die höchste Weihe verlieh. Luthers Verdienste um die Musik machen 
nicht den kleinsten Theil seines Ruhmes aus; er ist nach dem Ausspruche eines 
Gewährsmannes „nicht blos der Heerführer der evangelischen Prediger, sondern auch 
derjenige der evangelischen Cantoren geworden.“ Erwarb sich der Reformator doch 
schon als Kind durch seinen frommen Gesang das Wohlwollen der Wittwe Cotta zu 
Eisenach was der Knabe versprach, hat redlich der Mann gehalten. Tin Verein 
mit seinen Freunden, namentlich seinem Lieblingscomponisten Senfl arbeitete er rastlos 
an der Vervollkommnung des Kirchengesanges, wie denn ihm selbst nachweislich 37 
Originalmelodien von Chorälen zugeschrieben werden können, deren herrlichste, die 
Composition des Psalmes „Eine feste Burg“ selbst ein Kapellmeister des Papstes 
Benedikt XIV. „herzergreifend“ nannte.*) 
Dies führt uns von selbst auf die Wichtigkeit der Orgel, dieses gewaltigsten 
Instrumentes. Sie ist nicht nur merkwürdig in Rücksicht auf die Einrichtung unseres 
Tonsystems und Erfindung und Ausbildung unserer Harmonie: sie ist auch gleichzeitig 
das grösste und volltönendste Instrument. Der Vortheil, dass auf der Orgel wie auf 
dem Klaviere Melodie und Harmonie gleichzeitig vorgetragen werden können, verbunden 
mit der Menge und Mannichfaltigkeit ihrer Stimmen, gewährt eine grossartige Pracht 
und Fülle der Wirkung. Ausserdem passt die Orgel vermöge der Eigenschaft, dass 
ieder Ton in gleicher Stärke klingend erhalten werden kann, vorzüglich zu dem 
gebundenen, feierlichen Styl, den der Gottesdienst verlangt. Freilich ist sie nicht leicht 
zu spielen: es giebt kein Instrument, das am Unreinen und Unsaubern im Tonsatz 
wie im Spiel so bald Rache nähme als die Orgel. Um so lebhafter ist es zu bedauern, 
dass die Pflege der Kirchenmusik mehr und mehr vernachlässigt wird. Die Kunst 
eines Bach, von der Forkel „nur mit Entzücken, ja, mit heiliger Anbetung“ reden 
konnte, scheint ganz verloren; vergebens drang schon Thibaut vor fünfzig Jahren 
auf den Vortrag höherer geistlicher Compositionen in der Kirche, — noch heute ist 
unsere protestantische Kirche unvollkommen und kahl, und sie wird es bleiben, so 
lange sie nicht die Kunst und das Schöne mehr in ihren Cultus aufgenommen hat. 
*) Luthers geistliche Lieder trugen zum Werke der Reformation so viel bei, dass der 
Jesuit Conzenius den Ausspruch that: „Hyrnni Lutheri animos plures quam scripta et 
declamationes occiderunt,“
	        

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