Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Werthe und dem erstaunlichen Umfange der Musik gesagt werden könne und müsse. 
All unser Rühmen, Preisen und Bewundern derselben werde stets blos gutgemeintes 
Lallen und Stammeln sein und bleiben.“ Auch Seidel im Charinomos bestreitet, dass 
der Poet mit dem Worte conventioneller Willkür die geheimsten Anliegen der 
Menschenherzen so innig zu sagen vermöge, als der Tondichter durch die Mittel seines 
Ausdrucks; wo die Rede nicht mehr zureiche, beginne die Sphäre der reinen Tonkunst.“ 
Poesie und Musik als Künste des bewegten inneren Lebens, jene als Kunst 
des Geistes, diese als Kunst des Herzens, neben einander zu stellen, dürfte also nicht 
gar zu kühn gewesen sein. Wird nun Ton und Wort, verbunden, so entsteht eine 
Mischung, welche höchst widersprechend beurtheilt worden ist. Hand sagt: die Musik 
sei vor Allem befähigt das Kunstideal auf die vollkommenste Weise darzustellen, so 
lauere sie ohne weitere Verbindung mit anderen Künsten sich selbständig erhalte; 
Ludolf Wienbarg behauptet das grade Gegentheil: Poesie und Musik in ihrer Ver 
einigung äussern die wunderbarsten Wirkungen auf unser Gemüth. Aehnlich urtheilt 
GrieperTkerl: „mit Hilfe der Poesie bleibt der Musik ausser dem Witze und allen 
Spitzen des Verstandes nichts Menschliches unerreichbar; in ihren eigentlichen gemüth- 
lichen und ästhetischen Elementen lässt sie die übrigen Künste oft weit hinter sich 
zurück.“ 
Hier wäre daran zu erinnern, wie der grösste Dramatiker, Shakespeare, sehr 
häufi" die Musik herbeiruft, um die Kraft seines Wortes noch zu steigern*) — und 
nun dürfte man mit Wilhelm von Humboldt zu dem Schlüsse kommen, dass „der 
von Worten begleitete Gesang unbestreitbar im ganzen Gebiete der Kunst die vollste 
und erhebendste Wirkung hervorbringe.“ 
Es wird nicht unbemerkt geblieben sein, dass wir des erlauchten Hauptes der 
modernen Philosophie, Hegels, noch nicht gedacht haben. Was er über die Musik sagt 
^Aesthetik HL 125—219) ist — wie könnte es anders sein! — unzweifelhaft hoch 
bedeutsam und geistreich, allein von all seinen Abhandlungen ist diejenige über die Musik 
vielleicht dem modernen Bewusstsein am wenigsten entsprechend. Allem Augenschein 
nach (man könnte dies schliessen aus dem Urtheile über Mozartsche Symphonien 
P 171 a. a. 0., sowie aus dem Schlüsse der Abhandlung) urtheilte Hegel über die 
Musik nur als Liebhaber. Wie hätte sonst er, der in dem nämlichen Jahre mit 
Beethoven geboren ward, dessen Namen gänzlich unerwähnt lassen können!**) Dass 
*s YVas Ihr wollt; I„ 1. Heinrich VIII.; III., 1. Der Sturm; V., 1. Der Kaufmann von 
Venedig; III., 2; V., 1. Das Wintermärchen; V., 3. Mass für Mass; IV., 1. König 
Lear; IV., 7. Antonius und Kleopatra; II., 5. 
**) Pa«*. 201 wo Hegel von Operntexten spricht, sieht dies Verschweigen nahezu absichtsvoll 
aus! H. hebt die Texte der „berühmten Gluckschen Opern“ hervor, „welche sich in 
einfachen Motiven bewegen und im Kreise des gediegensten Inhalts die Liebe der 
Mutter, Gattin, dc3 Bruders etc. schildern.“ Obwohl die Erwähnung des Fidclio hier 
fast noth wendig erscheint, so ist sie doch umgangen.
	        

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