Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

14 
Kühne, den Heroismus, den Sturm und Drang des Lebens in seinem Muthe, seiner 
Begeisterung für Freiheit und Vaterland; sie läuft durch den ganzen Cyclus des An- 
muthigen von den einfachsten, gemüthlichen Tönen des naiven Schäferliedes an, das 
Romantische, Rührende, Sentimentale findet in ihr lebendigen Ausdruck. 
Ist es bei diesem grossartigen Umfange des Reiches der Töne zu verwundern, 
wenn einzelne Aesthetiker die Musik über jede andere Kunst stellen? Grohmann z. B. 
ruft aus: „Keine Kunst ist reiner, ideeller, geistiger, unmittelbar so aus dem reinen 
Reiche des Geistes und Gemüthes hervorgehend, keine so mächtig, die unendliche 
Vernunftfreiheit in dem unbeschränktesten Wesen darzustellen. Keine Kunst ist so 
populär, so allgemeinverständlich, so eingreifend; keine kann so unmittelbar, so rein 
das geistige Reich des Schönen darstellen als die Tonkunst.“ Sie theile, führt er dann 
weiter aus, ihre Vorzüge mit der Dichtkunst; allein mit den Tönen würden wir in 
eine endlose Welt geführt. „Scheint nicht in ihnen das Geisterreich mit uns zu 
sprechen? Die Ufer des Diesseits sind wie abgebrochen; wir leben nur in einer 
unendlichen Gefühls- und Ideeenwelt, in der Innenwelt eines freien Bewusstseins.“ 
Aehnlich, wenn auch minder exaltirt, urtheilt ßouterwek: „Keine Art von 
Schönheit kann auf das innere Gefühl mit solcher Stärke wirken und so gewaltsam 
das Gemüth mit sich fortreissen, als die musikalische.“ Und Schubart will den 
Menschen eben so gern ein singendes Geschöpf, als mit Aristoteles ein redendes 
nennen. Gleichermassen schreibt Eberhard seiner „Julie“ im 131. Briefe, dass der 
dem Menschen innewohnende Trieb des Vergnügens sich bereits auf der untersten 
menschlichen Entwickelungsstufe im Tone äussere, weshalb die Musik unter den schönen 
Künsten den ersten Platz verdiene. Sulzer weiss viel zu erzählen von den „Würkungen“ 
der Musik und kommt zu dem Schlüsse, dass sie „an Kraft die anderen Künste weit 
übertreffe.“ Er kann gewichtige Stimmen für seine Meinung anführen: die des Plutarch, 
Plato, Aristoteles — auch Cicero stimmt dem Plato bei, nihil tarn facile in animos 
teneros atque molles influere quam varios canendi sows, quorum did vix potest, quanta 
sit vis in utramque quartern. Namque et incitat languentes et languefadt excitatos, et turn 
remittit animos et turn contrahit — ganz wie Descartes sagt, der die Musik eigens ad 
motus animi excitandos inventa nennt. 
Das Urtheil des Kritikers der reinen Vernunft; „wenn man den Werth der 
schönen Künste nach der Cultur schätze, welche sie dem Gemüthe verschaffen, so 
habe die Musik unter den schönen Künsten insofern den untersten Platz, weil sie 
bloss mit Empfindungen spiele,“ ist also gewiss unrichtig; fast gleichzeitig mit diesem 
Ausspruche schrieb Herder: „Von der Musik muss jede Kunst, die am Sichtbaren 
haftet, an innerer Wirksamkeit übertroffen werden, wie der Körper vom Geiste, denn 
sie ist Geist. Was anschaulich dem Menschen nicht werden kann, wird ihm in ihrer 
Weise mittheilbar: die Welt des Unsichtbaren.“ Und Forkel ruft enthusiastisch, „jede 
Sprache der Welt sei zu arm, um Alles damit auszudrücken, was von dem hohen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.