Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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eigensehaft in dieselbe Stimmung versetzt. Das Nämliche thun die Tongedanken, wenn 
ihnen der Componist die rechten analogen Züge lieh, wozu freilich Meisterschaft gehört. 
Wir sehen also: bestimmte Gefühle in ihrer concreten Natur, wie „Liebe,“ 
„Andacht,“ „Sehnsucht“ lassen sich nicht durch die Musik schildern, aber „eine leiden 
schaftlich-schmerzliche oder freudige Gemüthserregung“ gewiss. Wiederzuspiegeln den 
Allgemeincharakter einer Reihe von Seelenstimmungen, die sich sehr bestimmt von 
einander unterscheiden und ohne begriffliche Bestimmtheit doch soviel durch mannich- 
faltige Zeichen analogisch sich kundgebende Bestimmtheit besitzen, dass sie nicht zu ver 
kennen und nicht total verschieden auszulegen sind: das ist die Domäne der Musik und 
in solcher Weise wird sie immer auf erregungsfähige und zu der Erregung gestimmte 
Seelen wirken. Diese Stimmung allerdings muss der Hörer mitbringen; wie zum wahren 
Genüsse jedes Kunstwerks, so gehört sie auch zu dem der Musik. Zum vollen Ver- 
ständniss von Tonwerken gehören überdies Vorkenntnisse: ein gründlicher Beurtheiler 
dessen zu werden, was man nicht selbst getrieben hat, erklärte schon Aristoteles (und 
ähnlich Lessing) für unmöglich. Die ächten Kenner sind nach Guizots Worten „Naturen, 
die zugleich fühlen und urtheilen und das Bedürfniss des Vollkommenen selbst in 
ihren lebhaften Genüssen nicht verlieren. Sie freuen sich des Aechten, aber zugleich 
stört sie das Unächte, wenn dies mit unterläuft.“ 
Mit dem Hinweis auf die Wirkung der Töne durch Analogie ist zugleich aus 
gesprochen, wie fade es wäre, in der Musik eine „Nachahmung der Natur“ sehen zu 
wollen. Zwar besteht ein grosser Theil aller Kunst in der Nachahmung, aber nicht die 
äussere Imitation, sondern die Phantasie schafft Kunstwerke: (pctvTXjloc rciZr elqyctTctTo, 
aotyooTeqa fxifxyaeoo? ^yjfxiov^yo^ — sie ist eine weisere Künstlerin als die Nachahmung. 
Wenn aber Töne durch Analogie wirksam sind, so erhellt, dass Tempo, Klang, Ton, 
Rhythmus, Harmonie etc. — als Elemente, deren Zusammenwirken unsere Kunstmusik 
bildet — schon für sich allein in Verwandtschaft zu den Regungen des Gcmüthes 
stehen müssen. 
In der That verähnlicht in der Musik das Tempo die Bewegungsweisen der 
Gefühle, wie sie der Mensch durch seinen Körper, seine Sprache äussert und ver 
sinnlicht; die Macht mancher Rhythmen auf unser physisches Wesen ist bekannt — 
man braucht nur an Märsche und Tänze zu erinnern. Auf- und absteigende, an 
schwellende und schwächer werdende Tonwellen bieten die zutreffendste Analogie mit 
den Leidenschaften der Seele; vom harten Dreiklang sagt Hand: er srebe ein Bild 
der Bestimmtheit, des Abschlusses, der Klarheit und inneren Sicherheit, während in 
dem verminderten Septimenaccorde und seiner chromatischen Natur Vertrautheit mit 
dem Schmerze und seelenvolle Ergebung liege. Dur- und Molltonarten verähnlichen 
das Gebiet freudiger und trauriger Seelenstimmungen; die verschiedenen Tonarten 
aber bieten den verschiedenen Gefühlsnüancen ein sehr glückliches Verähnlichungs 
mittel, wie z. B. Schubart und nach ihm Hand in einem besonderen Capitel „Charak-
	        

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