Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Texte werden — wofern nicht etwa eine Parodie beabsichtigt ist — immer auf das 
nämliche Gefühl hinauslaufen, was z. B. Hanslick, indem er es bestreiten will, geradezu 
beweist. In seinem Buche „vom Musikalisch-Schönen“ ruft dieser Autor (den bereits 
Vischer kurz aber bündig widerlegt hat), um die Inhaltlosigkeit der Instrumentalmusik 
zu beweisen, auch die Vocalmusik zu Hilfe, und behauptet, in einem Gesangsstücke 
stellen nicht die Töne, sondern der Text dar. Er führt folgende Stelle aus dem 
Fidelio an, mit verändertem Texte: 
O na - men na - men - lo - se Freu-de. 
ü 
Br soll mir soll mir nicht ent-kom-men. 
Durch dieses Exempel will Hanslick zeigen, dass Deutlichkeit und Bestimmt 
heit erst durch die Worte komme. Aber kann Leonore statt „namenlose Freude!“ 
nicht jubeln: „Nun hab’ ich dich?“ Und Pizarro statt: „Nun hab’ ich ihn!“ — „0 
namenlose Freude?“ — Beide können diese Worte ganz in derselben stürmischen 
Weise declamiren; aber wird das Entzücken der liebenden Gattin sich in deren Ge- 
sichtszüo'en auf die nämliche Weise abspiegeln, wie das Entzücken des teuflischen 
Bösewichts in dem seinigen ? Und wollte Hanslick etwa behaupten, Beethoven würde 
jene Melodie für Leonore und Pizarro in genau die nämliche Tonart gesetzt, ebenso 
begleitet und instrumentirt, d. h. dem Orchester dieselbe Mimik verliehen haben? 
Nun We man aber jener Melodie einmal die Worte unter: „Ich bin zum Tode matt!“ 
oder Du stiller Mondenschein!“ oder „Wie friedlich ist der Abend!“ so wird man 
o-leich empfinden, dass zum Ausdruck dieser Seelenstimmung weder Tonik noch 
Rhythmik noch Tempo passen. Ohne allen Commentar wird freilich die namenlose 
Freude just der Gattin Leonore Niemand hören, aber eine wonnige, schwunghafte 
Erregung der Seele gewiss. 
Mit absoluter Genauigkeit lässt sich ohne Worte nichts feststellen — objectiv 
so messbar wie andere Künste ist die Musik nicht. Aber eben dieser Mangel an ob- 
jectiver Norm, der einerseits allerdings eine Beschränkung ist, erhebt die Musik 
andererseits auf die Höhe der Universalität. Muss der Mangel einer völlig festen 
Grenze der Gefühle zugegeben werden, so ist doch so wenig ungewiss dass dieses 
Musikstük Trauer, ein anderes Frohsinn ausdrücke, wie es die Züge des Frohsinns 
oder der Trauer im Menschenantlitze sind. Die Seele malt jene Züge auf das Antlitz 
als symbolische Verkünder ihrer inneren Stimmung, — die Musik malt ihre analogen 
Töne in’s Ohr. Die Züge des Menschenantlitzes können uns so wenig wie die Tonzüge 
den konkreten Anlass der Seelenstimmung in bestimmten VerstandesbegrifFen ver 
deutlichen, aber dennoch erfahren wir durch sie, dass die Seele jetzt froh, jetzt traurig 
gestimmt sei und unwillkürlich werden wir mittels unserer sympathetischen Seelen-
	        

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