Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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arme Eltern machten sich durch Harfenspiel und Gesang Sonntags einen Nebenver 
dienst; Mozarts und Beethovens Väter waren Musiker von Profession; Weber wurde 
als Sohn eines Eutiner Kapellmeisters geboren; Johann Christian Friedrich Schneider 
erbte den Sinn für Tonkunst von seinem Vater, der gleich dem Vater Albert Meth- 
fessels, dieses Sängers süsser Volksweisen, Organist war. Clara Schumanns Vater 
war ein eminenter Lehrer des Pianofortespiels; in Richard Wagners Familie ist dieser 
nicht der Einzige, der Lorbeern auf dem Gebiete der Töne errang. Und nicht nur 
deutsche Componisten kann man anführen zum Beleg für die aufgestellte Behauptung: 
Rossinis Vater war ein herumziehender Musiker, seine Mutter Sängerin; Adolph Adam 
war der Sohn eines Professors der Musik am Pariser Conservatorium; Herolds Vater 
war Pianofortelehrer — und so könnte man den angedeuteten Gedanken gewiss noch 
durch manches Beispiel stützen, um endlich zu dem Resultate zu kommen, dass eine 
Kunst, welche einer solchen Vorbereitung im Menschengeiste bedarf bis ihrem Genius 
die Stätte zugerüstet ist, nothwendig die vornehmste unter allen sein müsse. 
Wollen wir aber trotzdem nicht behaupten, dass die Musik der Poesie den 
Rang ablaufe, so mögen doch beide Künste gewiss als einander nahezu coordinirt gelten 
können, was aus einer Betrachtung des Wesens der Musik deutlich hervorgehen dürfte. 
Ihr Material ist der substanzielle Ton, ihre Form die Figuration (Rhythmus, 
Melodie, Harmonie). Das Materielle, als sichtbare Materie, hört auf — die Musik ist 
gleichsam der Abschied von der sinnlichen Natur. Bei Weitem subjectiver als die 
Malerei, kann die Musik in noch viel grösserem Umfange als diese das ganze Gebiet 
der Leidenschaften darstellen — die umfassende Macht der Töne ist ja sprüchwörtlieh. 
So ist die Musik die eigentliche Kunst des Gemüthes; harmonisch gegliederte, sub 
stanzielle Gefühle und Empfindungen des Herzens sind es, denen der Musiker Ausdruck 
verleiht, wie der Poet gegliederte Gedanken des Geistes vorträgt. Hier liegt der 
Punkt, der die Musik einestheils über, anderntheils unter die Poesie stellt, denn 
Empfindung und Gefühl enthält gleichzeitig mehr und weniger als der Gedanke. Mehr 
— insofern im Gefühle viele Gedankenkeime liegen; weniger — insofern keiner dieser 
Keime entwickelt ist. Das Gefühl, sagt Lasaulx, ist der warme Mutterschooss, der 
Gedankenkeime zeitigt und dann als reife Frucht an’s Licht gebiert. In ihren Gefühlen 
sind deshalb auch die Menschen weniger getrennt als in ihren Gedanken. Die sub 
stanzielle Gefühlssprache der Musik ist Allen verständlich, eine Art von Weltsprache 
gegenüber der vielgetheilten Gedankensprache der in Völker zerrissenen Menschheit. 
Wollte aber Jemand, weil in der Musik ein Gedanke nicht zum concreten 
Ausdruck kommt, zweifeln, ob die Musik überhaupt eine Kunst sei, so würde er 
deshalb irren, weil auch das Gefühlsgebiet ein objectives Gebiet im Geiste ist. Aller 
dings ist es richtig, dass wir beim Anhören einer unsere Seele ergreifenden Musik 
uns einen in Worte gefassten Text schreiben können, der uns passend scheint, ein 
Anderer aber schreibt sich dazu einen anderen Text, der auch passend ist. Allein beide
	        

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