Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Gegenstand die Farbe und deren Helle oder Dunkelheit ist. Aber auch er ist noch 
nicht der am höchsten stehende Sinn: die Erfahrung hat bewiesen, dass Blinde ge 
wöhnlich weiter in der Intelligenz fortschreiten als Taube.*) Den ersten Platz unter 
den Sinnen weist die Psychologie vielmehr dem Gehör an. Es erschliesst mit Hilfe 
der articulirten Wortsprache dem Menschen das Reich des geistigen Verkehrs und 
bietet so die entscheidende Bedingung einer fortschreitenden geistigen Cultur. Schon 
die Alten gaben zu, dass das Gehör der Seele näher stehe als das Auge; nur das 
Gehörte, sagt Aristoteles, habe Einfluss auf den sittlichen Charakter und selbst ein 
Lied ohne Worte (oi'vev köyov pekos) besitze eine grössere sittliche Kraft (r\$os) als 
Farben. Auch sind Blinde in der Regel innerlich gesammelter als Taube. Und da nun 
das Gehör in der Menschenseele den Boden für Ton und Wort bereiten muss, so 
ermebt sich aus der Vergleichung dieses Sinnes mit den vier andern ebenfalls, das3 
Musik und Poesie die höchsten Kunstformen sind. 
Wenn aber diese beiden der Architektur, Sculptur und Malerei sich unzweifel 
haft überleben zeigen — welche Stellung nehmen sie dann zu einander ein? 
Gewiss würde es nicht leicht sein, die Behauptung zu stützen, dass der Musik 
ein höherer Platz unter den Künsten gebühre, als der Poesie. Denn diese hat den 
allgemeinsten Stoff, den allgemeinsten Umfang, das allgemeinste Mittel der Darstellung; 
in ihr ist das sinnliche Material auf ein Minimum redueirt: auf das Wort, das Zeichen, 
Ihr Stoff ist die menschliche Sprache, ihr Gegenstand die gesammte Welt der Ideeen 
und Vorstellungen des menschlichen Geistes, dessen eigentliche Kunstform sie ist. 
Wollte man freilich obige Frage schlechthin nach den blossen Wirkungen der Musik 
und Poesie entscheiden, so könnte die Antwort allerdings zweifelhaft sein, denn die 
Musik zeigt sich mächtig gegenüber einer ganzen Reihe von Wesen, welche für das 
Wort keine Empfindung haben: die Wirkungen der Töne auf Thiere, namentlich 
Spinnen, Eidechsen, Fische, Hunde, Hirsche, Pferde, Elephanten sind schon seit Plinius’ 
Zeiten bekannt. 
Schwerer noch fiele vielleicht eine vom Geist hergeleitete Wahrnehmung in’s 
Gewicht zu deren Klarlegung wir uns eines Bildes aus der Chemie bedienen. Be 
kanntlich destillirt der Chemiker einen Spiritus etc. drei, vier Male, bevor derselbe 
den höchsten Grad der Feinheit und Reinheit erlangt. Fast scheint es, als müsse die 
Natur um grosse Musiker zu erzeugen, ähnlich verfahren; als bedürfe der himmlische 
Genius der Töne erst mehrerer Generationen, um in seiner ganzen Reinheit auf einen 
Sterblichen sich niederzulassen. Oder sollte es durchaus zufällig sein, dass — während 
weder die Eltern Goethes noch Schillers noch Lessings eine starke dichterische Ader 
hatten diejenigen unserer Tonheroen fast ausnahmslos Musiker von Fach waren? 
Die Bachs repräsentiren ein ganzes Dynastengeschlecht von Tonkünstlern; Haydns 
*) Der Unterschied zwischen Schrift und Rede giebt den Massstab für die Bcurtheilung.
	        

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