Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Bouterwek aber verwirft die Eintheilung der Künste nach solchen Principien und will 
eine Ordnung derselben nach keiner andern Norm, als einer ästhetischen zugeben, 
worin er mit Hegel übereinstimmt, der als Eintheilungsgrund nur die erwähnten Kunst 
formen des Symbolischen, Klassischen und Romantischen anerkennen kann, weil diese 
die allgemeinen Momente der Idee des Schönen selber seien. 
In diesen Zweifeln erinnern wir uns, dass wir die Kunst definirt hatten als die 
objective Verkörperung des Ideals, formvollendet und geistgesättigt, jedes Restes roher 
Materie bar, —* und nun werden wir derjenigen Kunstgattung den Vortritt einräumen, 
welche dieser Definition am nächsten kommt. Stufenweise arbeitet sich der Geist aus 
der Materie heraus; ebenso werden folglich die einzelnen Künste fortschreiten. Massen 
hafte, noch durchweg materielle Künste sind Architektur, Sculptur und Malerei; die 
Musik bewegt sich in der idealgesetzten Materialität des Tons, die Poesie auf rein 
geistigem Gebiete. Sie ist der Uebergang des Geistes zum absoluten Denken. Schritt 
vor Schritt stellt in dieser Rangordnung der menschliche Geist sich in einer immer 
mehr freien, geistigen, seinem eigensten Wesen angemessenen Form dar, mehr und 
mehr vergeistigen sich die einzelnen Künste, und gleichen Schritt mit dieser zuneh 
menden Vergeistigung hält eine Abnahme der materiellen Form. Deshalb ist die 
Architektur die unterste, unvollständigste Kunst; in ihr ist das Material noch gänzlich 
ungeistig. Die Sculptur hat es schon mit der in leiblicher Gestalt dargestellten Geistig 
keit zu thun; in der Malerei sodann leistet die Kunst gänzlich auf die Körperlichkeit 
Verzicht, um sich mit dem blossen Scheine des Körpers zu begnügen. Während in 
der Architektur der Geist den Stoff bewältigt und nach geistigen Gesetzen so gestaltet, 
dass der Stoff noch vorherrscht, stellt die Sculptur die vollkommenste Einheit von 
Stof! und Geist, Leib und Seele dar in der Menschengestalt; in der Malerei zuerst 
herrscht die Seele vor über den Leib. Immer feiner, immer idealer wird das Material, 
um endlich bei Ton und Wort anzugelangen. Die in diesem Material sich manni- 
festirenden Künste stehen also auf der Stufenleiter ihrer Geschwister am höchsten. 
Aber noch auf einem anderen Wege können wir uns über die Climax der 
Künste orientiren: wenn wir nämlich nach den Sinnen fragen, vermöge deren wir 
Kunstwerke uns geistig zu eigen machen. Der niedrigste Sinn ist der des Geruchs; 
seine Function beschränkt sich auf die Fortleitung von Empfindungen, die nur durch 
materielle Eindrücke hervorgebracht werden. Menschen, denen er fehlt, entbehren nur 
geringe Genüsse, während ihre geistige Ausbildung nicht gehemmt wird. Auch der 
Geschmackssinn ist ein niederer Sinn; für die Ausbildung höherer Fähigkeiten resultirt 
aus seinem Gebrauche ebenfalls nur wenig. Feiner angelegt ist der Gefühlssinn: sein 
Organ ist das gesammte System der Getühlsnerven und er umfasst sowohl die äusseren, 
als die inneren Gefühle, welche letzteren uns Kunde geben von den Zuständen unseres 
Körpers. Der äussere Gefühls- oder Tastsinn ist eines der wichtigsten Hilfsmittel für 
die Auffassung der Gestalt; als Analogon für ihn fungirt der Gesichtssinn, dessen
	        

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