Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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sobald formvollendete Gebilde der Menschenhand als Träger einer Idee auftreten 
welche aus ihnen wiederstrahlt: wenn das freie Bilden des schöpferischen Genius allen 
Künsten gemeinsam ist: so kann es doch nicht völlig gleichgiltig sein, in welchem 
Material die Idee dargestellt ist. Vielmehr werden eben dadurch, dass die Seele der 
künstlerischen Idee sich nach Bedürfniss den ihr angemessenen Körper schafft, die 
verschiedenen Arten der Künste bestimmt. — Nun ist die Welt entweder bewusstlose 
Natur oder selbstbewusst denkender und handelnder Geist; zwischen beiden steht 
eine Sphäre unmittelbarer neutraler Einheit, auf der zwar schon der selbstbewusste 
Geist vorhanden ist, aber noch nicht als denkend und handelnd, sondern als gleich 
sam elementares Streben der Empfindung. Je nachdem nun der Künstler aus einem 
der Arsenale dieser physiognomischen Ausdrucksformen alles Natur- und Geisteslebens 
sein Rüstzeug wählt, je nachdem er seine Idee in Holz, Erz, Stein, Farben, Sprache 
oder Töne kleidet, werden Kunstgattungen entstehen, welche nothwendig eine be 
stimmte Gliederung unter sich bilden müssen. 
Dem Einwande, dass eine solche irrelevant sei, fürchten wir nicht zu begegnen. 
Eine Wissenschaft kann von ihrem Ansprüche einer systematischen Ordnung nichts 
vergeben, und so muss auch die Aesthetik entweder auf den Namen System verzichten, 
oder sie muss zu erfüllen suchen, was dieser Name mit sich führt. Man könnte aber 
über das Wie der Eintheilung verschiedener Meinung sein, und die verschiedenen 
Aesthetiker sind das auch in der That gewesen. 
Der alte Sulzer theilt die Künste in a) Musik, b) zeichnende und c) redende 
Künste, und das Schauspiel ist in seinen Augen „die höchste Erfindung der Kunst,“ 
weil sie „das geeignetste Mittel sei, die Gemüther der Menschen zu erhöhen.“ Allein 
unser Theoretiker der schönen Künste übersieht das Unselbständige in der Thätigkeit 
des Schauspielers, so wenig die Richtigkeit der Bemerkung über die grosse Wirksam 
keit des Schauspiels bestritten werden soll. Sulzers guter Meinung über dasselbe 
pflichtet Griepenkerl (F. K.) bei, welcher die Künste gar in „schaffende“ und „dar 
stellende“ scheidet und nicht nur der poetischen und musikalischen Deklamation, der 
Mimik und Schauspielkunst eine Stelle anweist neben den „schaffenden“ Künsten, 
sondern der sogar „den schönsten Kranz der Musen“ dem Künstler reicht, „welcher 
in beiden Künsten, der schaffenden wie der darstellenden, in hohem Grade Voll 
kommenes zu leisten vermöchte.“ 
Aber obwohl es richtig ist, dass diese von Gi'iepenkerl „darstellende Künste“ 
genannten Fertigkeiten mit den ästhetisch schönen Künsten in sofern Aehnlichkeit 
haben, als auch sie nicht bei dem rein Nützlichen stehen bleiben, sondern nach dem 
Schönen trachten — d. h. die Bewegung und Haltung des Körpers, die Darstellung 
der ganzen Persönlichkeit zum Träger einer Idee zu machen suchen — so sind sie 
doch keineswegs ein von Schöpferkraft inspirirtes freies Bilden, sondern lediglich ein 
Umbilden, Der Mime z. B. ist an die Eigenthümlichkeiten und Zufälligkeiten seiner
	        

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