Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Urheber tritt es auf, schön, frei, aus dem Geiste geboren, desto mächtiger ergreifend, 
je tiefer und reicher der Geist war, der es zeugte. 
Das Gebiet der Kunst reicht soweit, wie, auf mannichfaltige Weise, nur irgend 
etwas gebildet werden kann, das einer Idee entspricht. An keinen Stoff, an keine 
Bestimmung ist die Kunst gebunden, als an diese Befolgung und Darstellung der Idee; 
wo keine Idee um ihrer selbst willen dargestellt wurde, haben wir es nicht mit „Kunst“ 
zu thun. Die Hervorbringung des Nützlichen gehört mithin nicht zur Kunst, denn der 
Nutzen ist keine ästhetische Idee. Das Nützliche produciren — sei dieses auch aus 
edelstem Stoffe ist das Kriterium des Handwerks; des Künstlers Sache ist es, Schönes 
darzustellen. Wenn auch Beide, Künstler und Handwerker, das Bedürfniss einer aus 
gebildeten Fertigkeit in der Behandlung des Stoffes mit einander gemein haben, so 
erhebt den Künstler doch die darzustellende Idee weit über die Sphäre, in welcher 
lediglich das mechanische Geschick — die ey.7tsif!ct des Plato — den Werth eines 
Erzeugnisses bestimmen wird. Der Künstler arbeitet an der Vermehrung des geistigen 
Capitals der Nation; der Handwerker an der Förderung des leiblichen — und soviel 
der Geist mehr gilt als der Körper, soviel höher steht der Künstler über dem Hand 
werker, die Kunst über dem Handwerk, Jene ist etwas in sich Geistiges: ist ihr Werk 
vollendet, so tritt es dem Menschen keineswegs wie. beim Handwerk als blosses 
Product gegenüber: der schöpferische Geist bleibt ihm vielmehr immanent — ein 
philosophischer Fundamentalsatz, der schon seit Kant, vornehmlich aber seit Solgers 
Erwin Fuss gefasst hat und seit Hegel als feste Errungenschaft aller Kunstbetrachtung 
"eiten muss. Nur die ideelle Darstellung ästhetischer Gefühlszustände unter den reinsten 
Formen der Anschauung heisst dem Aesthetiker „Kunst“; Idealität und diese reine 
Form der Darstellung sind conditio sine qua non. Es ist also nur eine Nachlässigkeit 
des Sprachgebrauchs, wenn populär von einer „Kochkunst“, „Reitkunst“, „Fechtkunst“ 
u. s. w. gesprochen wird; bei einer solchen Erweiterung der schönen Künste durch 
Anwendungen auf Material, Nutzen, Zierrath etc. würde man den Charakter, die 
Grundmerkmale der schönen Kunst völlig verkennen. Denn wie sehr auch das mate 
rielle Leben durch ähnliche Anwendungen verschönt werden mag: die ideale Kunst 
sehen wir nicht mehr vor uns; ihr ästhetisch reiner Werth wird getrübt durch die 
Anwendung, durch materiell hinzukommende Bestimmungen, ja, schon dadurch, dass 
die Kunst nicht mehr in ihrem selbständigen Werthe erkannt wird, sondern als bei 
läufiges Mittel zu einem untergeordneten Zwecke wie Ausschmückung etc. erscheint,*) 
Wenn also, wie wir glauben gezeigt zu haben, immer ein Kunstwerk vorliegt, 
*) Am deutlichsten erhellt das Gesagte bei der Baukunst, welche wir ein Handwerk nennen, 
so lange sic nur auf die Befriedigung des unmittelbaren Bedürfnisses eines Obdachs aus- 
creht. Zur Kunst wird sie erst, sobald sie nicht mehr innerhalb der niederen Sphäre des 
Nützlichen verharrt, sondern sich über diese hinausschwingt und ein Schönes schafft.
	        

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