Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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den Dante einmal eine „Natur“, was Eckermann „merkwürdig“ fand. Der Dichter 
meinte eben, dass das Genie gleich der Natur unbewusst schaffe, dass man etwas 
sein müsse, um Tüchtiges zu vollbringen. Die Griechen nannten das Schöne schwer 
— to kocKov —• und nie ist ein wahreres Wort gesprochen worden. Wer 
Grosses will, muss sich zusammenraffen, damit es ihm möglich werde, die geringere 
reale Natur zu der Höhe seines Geistes zu heben und Dasjenige zu verwirklichen, 
was in natürlichen Erscheinungen aus innerer Schwäche oder auch aus äusserem 
Hinderniss nur Intention geblieben ist. Wendet sich der Künstler mit persönlicher 
Grossheit an die Natur, vermag er diese über das Gemeine, Zufällige hinweg zu 
heben und frei aus edlem Geist, aus geläuterter Phantasie heraus selbstschöpferisch 
neu zu gestalten: dann entsteht des Schönen Spitze, das Kunstwerk. 
Indem die Aesthetik uns hierüber aufklärt, erläutert sie die Entstehung des 
Schönen und dessen allgemeine Wesenheit; wer aber eine gründliche, nach allen 
Seiten hin erschöpfende Erkenntniss des Schönen zu erwerben trachtet, muss Kunst 
geschichte studiren, welche die Metaphysik des Schönen ergänzt, indem sie das Schöne 
in seiner besonderen, durch äussere Umstände (wie Zeit, Ort etc.) bedingten Erschei 
nung zeigt. Dass letztere, nach den verschiedenen Culturepochen, beständig wandelbar 
ist, liegt daran, dass verschiedene Zeiten und Völker immer einen verschiedenen Inhalt 
ihres geistigen Lebens, mithin auch eine verschiedene Darstellung dieses Inhalts haben. 
Die systematische Aesthetik also betrachtet das weite Reich des Schönen an 
und für sich; die Kunst, als hauptsächlichste Provinz dieses Reiches, wird uns nun 
näher beschäftigen. Mit ihren verschiedenen Gattungen, den einzelnen Künsten, ist sie 
ein vielfach Gegliedertes; — ursprünglich bezeichnet sogar das (von „Können“ abge 
leitete) deutsche Wort gleich dem griechischen re^vri und dem lateinischen ars jedes 
durch Uebung erworbene Geschick, jede Fähigkeit, etwas hervorzubringen. Im engeren, 
rein ästhetischen Sinne indessen versteht man unter „Kunst“ nur die sogenannten 
freien, schönen Künste. Der wirklichen Natur, dem realen Leben parallel, schaffen 
diese dem nach Schönheit dürstenden Menschen eine höhere Welt, die den kleineren 
Bedürfnissen und Motiven der wirklichen nur dem Stoffe, nicht der Form nach unter 
worfen ist. 
Im tiefsten Schachte des Herzens sahen wir den genialen Gedanken am gött 
lichen Feuer sich entzünden — nun wächst er und ringt nach Ausdruck: es drängt 
den Künstler, seine subjective Intuition zu objectiviren. Was er in andauernder 
Concentration des Geistes unbewusst empfangen hat, will er mit Bewusstsein aus sich 
heraus, hörbar, sichtbar sich selbst gegenüberstellen. Das dem Menschen angeborene 
Bedürfniss, was ihn innerlich bewegt äusserlich kund zu thun, stillt der Künstler durch 
sein Werk, jeder in seiner Weise und mit den Mitteln seiner Kunstgattung. So ent 
steht, wenn äussere Form und innewohnende Seele einander entsprechen, ein Kunst 
werk — absichtslos und unbefangen wie ein Werk der Natur, losgelöst von seinem
	        

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