Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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ausoe^ano-en ist, „Schön“ wäre sonach das harmonische Gleichgewicht und die innige 
Verquickung des Geistigen und Sinnlichen; Ideales und Reales einander deckend; 
Dasjenige was mittels seiner Form das Unendliche im Endlichen ahnen lässt; die 
Erscheinung der Idee im Bilde. 
So haben unsere grossen Philosophen, denen unser grosser Dichter Schiller in 
seinen ästhetischen Abhandlungen als Pfadfinder diente, den Begriff des Schönen 
bestimmt, — und nun ist es nur noch Ein Schritt bis zu der Ueberzeugung, dass es 
nicht die Natur, nicht ein Erzeugniss ihrer Kraft sein könne, worin das Schöne wahrhaft 
vollendet in die Erscheinung tritt. Die Forderung, dass sinnliche Existenz und Idee 
einander absolut entsprechen, vermag kein Naturschönes vollständig zu erfüllen; dazu 
bedarf es vielmehr eines neuen Elementes, und dieses ist die Kunst. Sie allein kann 
die organische Jneinsbildung von Form und Wesen, Materie und Geist rein vollbringen; 
nur im Kunstwerk werden wir Seele und Leib wie mit Einem Hauche geschaffen 
sehen. Hat jedes Gewächs der Natur nur Einen Augenblick der wahren vollendeten 
Schönheit, so hat es nach Schellings Worten auch nur Einen Augenblick des vollen 
Daseins; in diesem ist es, was es in der ganzen Ewigkeit ist; ausser diesem kommt 
ihm nur ein Werden und Vergehen zu. Diesen Augenblick zu erkennen, ist Sache der 
K unst s i e hebt das Wesen aus derZeit heraus und lässt es in seinem reinen Sein, 
in der Ewigkeit seines Lebens ersheinen. Indem der Künstler diese verklärende Aufgabe 
löst, entfernt er sich von dem Geschöpfe, dem Naturwesen, in welchem der Begriff nur 
blind wirksam ist; — jedoch nur, um dasselbe mit tausendfältigem Wucher wieder zu 
gewinnen, denn gleichzeitig schwingt er sich in das Reich reiner Begriffe und erhebt 
sich zu der schaffenden Kraft, um diese geistig zu ergreifen. Diese schaffende Kraft 
aber was ist sie anders, als ein Hauch der allbelebenden, allbefruchtenden Wärme 
des göttlichen Odems, dessen Wehen der Künstler fühlt, von dem er aber nicht weiss 
von wannen er kommt noch wohin er geht? *) — Dieser Funken des göttlichen 
Feuers allein zeugt Kunstwerke: die „wirklich gewordene Schöpfungskraft“ nennt 
Solger die Kunst. Auch Goethe .verlangt „Schöpfungskraft“ vom Künstler, da nur 
durch diese ein selbständiges Werk entstehe, wie andere Geschöpfe durch individuelle 
Keimkraft hervorgetrieben werden. Alles was wir Erfinden, Erdenken im höheren 
Sinne nennen, ist eine aus dem Innern am Aeusseren sich entwickelnde Offenbarung, 
die den Menschen seine Gottähnlichkeit ahnen lässt; wie Zeus’ Haupt die Pallas 
Athene, so gebiert des Menschen Phantasie die Werke der Kunst. Gleich der Natur, 
schafft das Genie unbewusst; jede Productivität höchster Art steht in Niemandes 
Gewalt. Handeln kann .ledermann— schaffen nicht, das ist über jede irdische Macht 
erhaben wie alles 7roislv im Gegensätze zu 7T^ccttsiv» — Goethe nennt gegen Eckermann 
•) Ist doch der echte Künstler, wie jedes Genie, ja wie eigentlich jeder Mensch, sich selber 
ein Gehcimniss!
	        

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