Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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gesund organisirte Natur erfahrungsmässig apriorisch wirkt, so beziehen wir von Hause 
aus Alles lieber auf das Schöne. Die Fähigkeit der Empfindung dafür ist dem Menschen 
angeboren, ist instinctiv wie Hunger oder Durst. Sie liegt vor der Erfahrung, vor dem 
Denken; sie ist nicht erst abstrahirt, sie ist ursprünglich. Eine gütige Natur legte 
diese wundervolle Empfindung tief in jedes Kindes Brust: gleichviel welcher Race 
dieses angehört, immer wird es jauchzen bei hellem Sonnenschein, wird mit Lust 
nach dem funkelnden Geschmeide, der bunten Blume greifen, wird dem Wiegenliede 
der Mutter lauschen und sich erfreuen an der lebhaften Bewegung des glitzernden 
Wassers, des schwirrenden Vogels. Licht, Klang, Farbe erfüllen die noch schlummernde 
Seele mit Frohsinn, — Beweis genug, dass diese ursprünglich empfänglich ist für die 
Eindrücke des Schönen. 
Aber was ist es denn, was die reifere Erkenntniss „das Schöne“ nennt — und 
wie tritt es in die Erscheinung? 
So einfach die Frage scheint, so schwierig ist ihre Beantwortung. Die erleuchtet 
sten Köpfe aller Zeiten haben scharfsinnige Definitionen über das Wesen und den 
Grund der Schönheit gegeben, aber unser grosser Lehrer über das Schöne, Winkel 
mann, musste doch eingestehen, dass die Schönheit eines von den grossen Geheimnissen 
der Natur sei, deren Wirkung wir Alle sehen und empfinden, von deren Wesen aber 
ein allgemeiner deutlicher Begriff unter die unerfundenen Wahrheiten gehöre. Jahr 
tausende waren vergangen, und Winkelmann bekannte, dass er nicht weiter gekommen 
sei als jener Hippias, welcher nach Platons Berichte dem Sokrates auf dessen Frage 
nach dem Begriffe des Schönen keine genügende Antwort zu geben wusste — der 
Grieche dem Landsmann und Genossen eines Volkes, welches wie kein anderes die 
ewig unvergänglichen Muster des Schönen aufgestellt hat! — Ja, so schwer ist es, 
den Begriff des Schönen in eine allgemein gütige kurze Formel zu fassen, dass ein 
so feinsinniger Aesthetiker wie Schiller verzweifelnd danach verlangen konnte, es 
möge doch einmal Jemand wagen, den Begriff und das Wort „Schönheit“ ganz aus 
dem Umlaufe zu bringen ! 
Indessen ist dieser Begriff so wichtig für die theoretische Kunstbetrachtung, 
dass wir bei ihm verweilen müssen. 
„Schön“ nennt der Sprachgebrauch in Natur und Kunst bereits jede Linien 
schwingung, die das Auge reizt (wie denn das Wort von „Schauen“ abgeleitet wird) 
und die Seele wohlgefällig anspricht. Strenger aber ist die Aesthetik, welche dieses 
sinnlich Ansprechende, dieses fWuvotttcv nur mit dem Ausdrucke des Reizenden und 
Angenehmen bezeichnet, dagegen den Begriff des „Schönen“ auf Gegenstände be 
schränkt, in denen die sinnliche Erscheinungsweise völlig bedingt und bestimmt ist 
durch die Idee, welche der Form zu Grunde liegt — mit anderen Worten: auf Gegen 
stände, in denen Form und Inhalt im innigsten Gleichgewichte stehen und ganz 
ineinander aufgehen — eine Difinition, welche besonders von Schelling und Hegel
	        

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