Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Die Stellung der Musik in der Wissenschaft der Aesthetik zu betrachten, bietet grade 
der Ort besondere Anregung, in welchem diese Zeilen geschrieben werden. Denn 
unbestritten hat vor allen Städten Deutschlands Hamburg grosse und alte Verdienste 
um die Tonkunst. Schon zur Reformationszcit unterhielt man dort Musikchöre, die 
nach der Einführung des Kirchengesanges der Aufnahme und Würde desselben un- 
gemein zu Statten kamen. Orgeln und Organisten werden in der Stadtgeschichte früh 
Genannt- man besoldete Cantoren oder Sangmeister, stellte Zinkenisten und Posaunisten 
an und verband deren Kunst mit dem öffentlichen Gesänge. Senat und Private ver 
einigten sich, um durch gute Besoldungen, Schenkungen, Stiftungen den Musikern das 
Leben angenehm zu machen. Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts blühte zu Hamburg 
}ene erste deutsche Oper; welche selbst einen Haendel an die Hansastadt fesselte; 
Tüchtiges leistete Keiser als Operncomponist; den Namen Matthesons braucht 
man nur zu nennen, um an einen der originellsten Musiker des vorigen Jahrhunderts 
zu erinnern. Durch seine zahlreichen Fachschriften ist er einer der ersten Lehrer 
Deutschlands geworden; seine „Organistenprobe,“ sein „vollkommener Kapellmeister,“ 
seine Untersuchung der Singspiele,“ seine „kritische Musikgeschichte“ und viele andere 
seiner Werke welche die Hamburger Stadtbibliothek nebst dem ganzen literarischen 
Nachlass Matthesons als seltenen Schatz bewahrt — enthalten eine wahre Fülle noch jetzt 
mustermlti^er Aussprüche über das Wesen der Tonkunst und beweisen, was auch 
Forkel mit Wärme anerkannte, seltene musikalische Einsicht. Da Mattheson Latein, 
Griechisch, Englisch, Französisch und Italienisch vollkommen verstand, so konnte er 
alles lesen, was in diesen Sprachen über Musik geschrieben war. Die Ausbeute seines 
Studiums kam seinen eigenen schriftstellerischen Erzeugnissen zu Statten, in denen 
fortwährend „Noten den Text lebendig“ machen. 
Etwa gleichzeitig mit Mattheson, dessen Bild freilich erst vollständig wird, 
wenn man an den Pedantismus dieser echten Roccoccogestalt erinnert, wirkte in 
Hamburg Telemann, jener geistreiche und forrnengewandte Vielschreiber, der mit
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.