Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Druck von Schmidt & Klaunig in Kiel. 
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Unsere zweite Folgerung ist eine therapeutische. Es ist klar, dass man mit Brechmitteln 
durch das Brechen selbst direct keine forcirte Exspiration bewirkt, und dass die Empfehlung, die 
Traube ihnen deshalb für die Behandlung verschiedener Respirationskrankheiten giebt, auf einem 
Irrthum beruht. Allerdings soll nicht geleugnet werden, dass beim Menschen besonders das 
Erbrechen von heftigen Exspirationen gefolgt ist. Diese haben aber einen andern Grund. Nach 
Langet gerathen beim Menschen stets während des Erbrechens wegen der mangelhaften Ent 
wicklung der Mm. ary-epiglottici Speisetheilchen in den über der Stimmritze liegenden Theil des 
Kehlkopfs, die durch heftige Hustenstösse beseitigt werden. Bei den Thieren vermissen wir dies, 
weil der obere Kehlverschluss ein besserer ist, beim Menschen aber bildet es die Regel. Wenn 
es daher durch Einleitung von Erbrechen gelingt, Fremdkörper oder Schleimmassen aus den 
Luftwegen zu entfernen, so geschieht dies indirect erst durch die dem Brechen folgenden Husten 
stösse. Die in den Kehlkopf gefallenen Speisetheilchen wirken nicht anders wie eine Feder, mit 
der man die Schleimhaut dieser Gegend kitzelt; es werden reflectorisch durch die Bahnen des 
N. laryngens superior convulsivische Exspirationen ausgelöst. Möchte diese Erkenntniss zur Lösung 
der Frage nach den Indicationen der Brechmittel, über welche die Meinungen im ärztlichen Publi- 
um soweit auseinder gehen, eine Beihülfe liefern. 
Zum Schluss erfülle ich noch eine angenehme Pflicht, indem ich Herrn Professor Bartels 
und Herrn Professor Heller für die bereitwillige Unterstützung meinen besten Dank sage. Auch 
unterlasse ich nicht, hinzuzufügen, das Herr Professor Bartels, bereits seit einer Reihe von Jahren 
zu der Einsicht gekommen war, dass eine Inspiration gleichzeitig mit dem Erbrechen stattfinden 
und aspiratorisch auf die Speiseröhre wirken müsse, wofür den Beweis zu liefern, mir in meinen 
Versuchen gelungen sein möge. 
VITA. 
Ich, Bernhard Lüttich, wurde am 26. April 1850 zu Hameln in Hannover geboren. 1855 
siedelte meine Familie nach Stade in Hannover über. Dort besuchte ich das Gymnasium von 
Michaelis 1858 bis Michaelis 1868 und verliess dasselbe mit dem Zeugniss der Reife. Ich studirte 
zunächst in Göttingen bis Michaelis 1871. Den Feldzug gegen Frankreich machte ich als Ein 
jährig-Freiwilliger des Infanterie-Regiments Nr. 56 mit. Von Michaelis 1871 bis Michaelis 1872 
studirte ich in Leipzig und dann fernere 2 Semester in Kiel. Das Tentamen physicum bestand 
ich in Göttingen am 1. Februar 1871, das Examen rigorosum am 21. Juli zu Kiel. 
THESEN. 
1) Brechbewegungen können nicht direct zur Entfernung von Fremdkörpern und Secret aus den 
Luftwegen dienen, sondern nur durch ihnen nachfolgende Hustenstösse. 
2) Die Ansteckung bei den Infectionskrankheiten beruht wahrscheinlich in der Aufnahme specifischer 
organisirter Stoffe in den Körper. 
3) Um der Ausbreitung von Epidemien entgegen zu wirken, erscheint eine wirksame Spülung in 
den Strassen und Häusern wichtiger als die Anwendung sogenannter Desinficientien.
	        

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