Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

19 
Mageninhalts in die Speiseröhre bewirkt wird. Der eine hat diesem, der andere jenem Theil des 
complicirten Magens der Wiederkäuer die Function zugeschrieben, aus dem Mageninhalt einzelne 
Packete zu formiren und in den Oesophagus hineinzuschieben. Dass die Magenmuskulatur aber 
nur schwacher Bewegungen fähig sei, wird gleichfalls angegeben. Nun ist von Flourens gefun 
den dass eine Lähmung (jes Zwerchfells sowohl wie eine Lähmung der äusseren Bauchmuskeln 
das'Wiederkauen bedeutend erschwert, selbst unmöglich macht.*) Und Lo nget hat gefunden, 
dass beim Eintritt der Regurgitation die Thiere eine starke Inspiration machen, bei der eine Be 
wegung an den Seiten des Bauchs bemerkbar ist, und dann eine kurze Exspiration eintritt mit 
wieder einsetzender Inspiration; unmittelbar darauf bemerkt man schon die Bewegungen am Halse. 
Dies zusammengehalten macht es in hohem Grade wahrscheinlich, dass hier derselbe Mechanis 
mus die Speisen aus dem Magen in die Speiseröhre zurückführt, der beim Menschen beim 
Erbrechen thätig ist. 
Fassen wir noch einmal unsere Resultate zusammen, so besteht dieser Mechanismus in 
einer inspiratorischen Abwärtsbewegung des Zwerchfells bei geschlossener Glottis, wobei zugleich 
die äusseren Bauchmuskeln durch ihre Contraction den Gegendruck ausüben. Hierdurch haben 
wir stark erhöhten Druck in der Bauchhöhle, stark verminderten Druck in der Brusthöhle: Druck 
wirkung auf der einen, Saugwirkung auf der andern Seite. Dabei ist die Annahme einer Anti 
peristaltik des Oesophagus vor der Hand für den Menschen und Fleischfresser ohne Berechtigung, 
für den Wiederkäuer aber unumgänglich. 
Es ergeben sich unmittelbar einige wichtige Folgerungen aus diesen Sätzen. Einmal ist 
es jetzt einleuchtend, dass der Beweis, den Rühle gegen eine Contraction der Magenmuskulatur 
beigebracht hat, nicht vollständig stichhaltig ist. Wenn bei der Ueberwindung des Cardiaver- 
schlusses eine Ausgleichung der verschiedenen Druckhöhen in Brust und Magen stattfindet, so 
muss natürlich das in die Magenwand eingesetzte Manometer Druckverminderung anzeigen, auch 
wenn schwache Contractionen der Muscularis des Magens stattfinden. Rühle’s Experimente 
beweisen vielmehr nur, dass die Ingesta nicht durch Contractionen des Magens nach oben beför 
dert werden können, nicht aber die absolute Ruhe der Magenmuskulatur. Wir haben kein Recht 
die Angabe zu bezweifeln, die von mehreren Physiologen gemacht ist, dass am Magen eigene 
Contractionen während des Brechactes Vorkommen können. Budge und schon vor ihm Benjamin 
Schwartz haben solche am Pylorustheile nach dem Fundus zugehend beobachtet. Diese 
schwachen und von vielen Beobachtern nicht einmal erkannten Bewegungen werden nur den In 
halt des Magens nach dem Fundus zu schieben und ausserdem den Pylorus gegen den Magen 
zu abschliessen. Dass dieser Verschluss indess bei starken Brechbewegungen nicht genügt, be 
weist uns die häufige Erscheinung- des Gallebrechens. Wir haben hierfür in unserem Mechanismus 
die beste Erklärung und brauchen uns nicht nach andern gezwungeneren umzusehen. Es ist nicht 
nothin- dafür eine Antiperistaltik des Darms anzunehmen, denn da der erhöhte Druck während des 
Erbrechens auch im Darm vorhanden ist, so kann ein quantitativer Excess in der Differenz der 
Spannkräfte auch einmal mit Ueberwindung des Pylorus- und Cardiaverschlusses Darminhalt in 
der Speiseröhre aufsteigen lassen. Möglicherweise kommen daneben noch andere Umstände in 
Betracht die mit der starken Aspiration zu demselben Effect concurriren. Es correspondiren 
übrigens mit jenen am Pylörustheil beobachteten Contractionen andere, die Longet an dem un 
tersten Ende der Speiseröhre bei Hunden, deren Magen stark mit Speisen angefüllt war, ausser 
halb des Brechactes beobachtete, und die einen Rythmus mit den Inspirationen einhielten; auch 
Schwartz beobachtete, wie oben erwähnt, von der Cardia gegen den Pylorus gerichtete Bewe 
gungen. Diese werden den Zweck haben der Aspiration des Thorax, die bei stark gefülltem 
Maxell sehr leicht wirksam werden muss, entgegenzuwirken. 
l o 
*) Vergl. Longel: Trait<§ de physiologie. pag. 132. 
3
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.