Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

finden sich schon in Strieker’s Handbuch der Gewebelehre sehr werthvolle Beschreibungen von 
E. Klein, und neuerdings hat ein Franzose Gillette denselben Gegenstand wieder einem sehr 
sorgfältigen Studium unterworfen.*) Letzterer theilt den Oesophagus des Menschen nach seiner 
Structur in drei Dritttheile. Im oberen Drittel finden sich am Halse nur quergestreifte Fasern, 
mit dem Eintritt in die Brusthöhle erlangt die glatte Muskulatur ein bedeutendes Uebergewicht, 
es finden sich aber animalische Fasern eingestreut, im Durchschnitt bis 5-6 Cm. in den Brust 
raum herab. Im mittleren Theil des Oesophagus, der bis zum Hiatus oesophageus des Zwerch 
fells zu rechnen ist, finden sich nur glatte Fasern vor; und in dem untersten Abschnitt machen 
sie ebenfalls die Hauptmasse aus, es treten nur sehr sparsam quergestreifte Fasern, weniger noch 
als im unteren Theil des oberen Drittels, hinzu, die aus den Pfeilern des Zwerchfells als Musculi 
phreno-oesophagei abbiegen und in der Längsrichtung der Speiseröhre verlaufend eine Strecke 
weit abwärts zu verfolgen sind. Beim Hunde dagegen ist die ganze Muscularis der Speiseröhre 
aus quergestreiften Fasern zusammengesetzt; sie liegen in drei dicken Lagen sämmtlich ringför 
mig oder vielmehr elliptisch, d. h. nach unten geneigt verlaufend und kreuzen sich spitzwinklig 
in verschiedenen Richtungen. An der Cardia hören sie plötzlich auf, und glatte Muskulatur tritt 
an die Stelle. Diese Verschiedenheit im anatomischen Bau des Organs lässt allen am Hunde- 
oesophagus gemachten Beobachtungen von vornherein nur eine zweifelhafte Uebertragbarkeit auf 
den Menschen. 
Auf die menschliche Speiseröhre angewandt, steht der obigen Theorie nun vor Allem der 
Umstand entgegen, dass jener für die supponirten Eigenbewegungen in ihren unteren Theilen nur 
glatte Muskulatur zu Gebote steht. Für den Hundemagen hat man nachgewiesen, dass seine glatte 
Muskulatur für die Hinaufbeförderung der Ingesta wirkungslos ist, und bei der Gleichheit der 
anatomischen Verhältnisse kann man dasselbe für den menschlichen Magen annehmen. Dessen 
glatte Muskulatur steht aber in ununterbrochenem Zusammenhänge mit der der Speiseröhre, und 
dieser soll man ganz im Gegentheil mit Traube und Rühle eine stark active Rolle zuschreiben. 
Inconsequent wäre sich also die Natur dabei jedenfalls. Aber entspricht es denn überhaupt dem 
Character der glatten Muskulatur solche ruckweise Contractionen auszuführen, mit denen die übri 
gen Muskelacte beim Brechen verlaufen, und wie sie auch die Speiseröhre ausführen müsste? 
Sehen wir uns nach Analogien um; wir finden nirgends, dass andere Organe, die mit gleicher 
Muskulatur ausgestattet sind, so plötzlich in Contraction geriethen und wieder erschlafften. Selbst 
die sogenannten Krampfwehen des Uterus finden doch nur so statt, dass das Organ sich langsam 
zusammenzieht und dann in starrer Contraction ausharrt. Fraglich wäre es ferner noch, und dies 
lässt sich auch vom Oesophagus des Hundes sagen, ob eine Contraction der Längsfasern an 
der Speiseröhre den Verschluss der Cardia aufheben oder gar das Rohr dilatiren würde, wie es 
doch sein müsste, wenn man die starken Druckabnahmen, die Rühle im blosgelegten Magen war 
nahm, darauf zurückführen wollte. 
Zur Erklärung aller der Erscheinungen, durch die Rühle und Traube sich zu ihrer 
Annahme zwingen lassen, würde es nun aber genügen, wenn im Moment des Anfalles eine starke 
Inspiration stattfände. Dann könnte auch bei längs- und quereröffneter Bauchhöhle noch die 
elastische Spannung der Magenwand hinreichen den Mageninhalt in die Brusthöhle, in der ein 
bedeutender negativer Druck erzeugt wird, hinaufzutreiben und dabei den Verschluss der Cardia 
zu überwinden; denn nur auf die Differenz der Spannungen, die in beiden Räumen herrschen, 
*) Description et Structure de la tunique musculaire de l'oesophage chez l’homrae et eher, les animaux. Journal 
de l’Anatomie et de la Physiologie Nr. 6. Paris 1872.
	        

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