Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Rühle schliesst dann noch aus einer von ihm wiederholt gemachten Beobachtung, dass das untere 
Ende des Oesophagus auf mechanische Reize hin sich an der Stelle der Application derselben 
rasch zusammenzieht und dann wieder erschlafft, dass die beim Erbrechen in die Speiseröhre 
tretenden Stoffe von unten nach oben fortschreitende Bewegungen erregen, welche die Heraus 
beförderung der zu erbrechenden Stoffe unterstützen. Er basirt diese Theorie mehr auf die Ver 
suche Budge’s, als auf seine eigenen Beobachtungen. Dann stellt er noch einen Versuch an, 
indem er bei einem Hunde die Cardia zubindet und in die Speiseröhre Wasser bringt. Es treten 
darauf zeitweise Verengungen der Speiseröhre und Wiedererschlaffungen ein, wobei das Wasser 
nach oben gedrängt wird und dann wieder hinabsinkt. Auch bei einem nun eingeleiteten Brech 
act zeigt sich dies Phänomen. Dass ein Abbinden der Speiseröhre Contractionen dieses Theiles 
herbeiführen wird, scheint a priori anzunehmen. Dass die Saugkraft des Thorax das Wasser 
periodisch ansaugen und wieder fallen lassen wird, ist ebenso plausibel wie die ähnliche Wirkung 
auf die in den Thorax eintretenden Venen. Sieht deshalb doch auch Rühle schon vor ein 
geleitetem Brechact diese Erscheinung vor sich gehen. Also scheint dies Experiment sehr wenig 
zu beweisen. Rühle fasst nun seine Resultate dahin zusammen, dass beim Brechact nur Druck 
kräfte wirken, theils die auf den Magen direct wirkenden, theils die unterstützenden durch Con- 
traGtionen der Speiseröhre. Saugkräfte schliesst er aus, weil eine activ saugend wirkende Erweite 
rung der Speiseröhre nicht zu Stande kommen könne, und weil die beim Brechact beobachtete 
starke Annäherung der Rippenränder d. h. die Einbiegung der unteren Rippenbögen — denn von 
etwas Anderm ist bei seinen Experimenten nie die Rede gewesen — und die Contraction der 
Bauchmuskeln die Möglichkeit einer Aspiration des Thorax bestritten. 
Viel weiter gehend finden wir die Theorie von der Thätigkeit der Oesophagusmuskulatur 
bei Traube in dem Capitel über das Erbrechen in seinem zu Anfang citirten Buche. Während 
Rühle geradezu alle Saugwirkungen beim Brechacte ausschliesst, scheint Traube eine solche 
für die Speiseröhre in Anspruch nehmen zu wollen. Er sieht ganz ab von den Contractionen der 
kreisförmigen Muskelfasern und spricht nur von der Wirkung der longitudinalen Fibrillen, die er 
durch folgende Momente bewiesen sieht: 
1. in dem Aufsteigen des cardialen Magenmundes mit trichterförmiger Vertiefung des 
Foramen oesophageum, 
2. in dem Erschlaffen der Cardia, 
3. in der plötzlichen Spannungsabnahme im Magen im Moment des Brechactes, 
4. in dem Umstande, dass bei andern energischen Anstrengungen der Bauchpresse, z. B. 
bei der Defäcation, wobei also die Thätigkeit des Oesophagus fehlt, nie Erbrechen 
eintritt, 
5. in der Beobachtung, dass bei blosgelegtem Magen trotz der Beseitigung des Einflusses 
der Bauchpresse noch Erbrechen eintreten könne. 
Was die letzte Bemerkung anlangt, so ist unter den Experimenten Rühle’s nur ein ein 
ziges, das 2te, wo sich notirt findet, dass der Brechact, trotzdem der Magen dem Einflüsse der 
Bauchmuskeln völlig entzogen war, bis zu mehrmaliger Entleerung einer grünlichen Flüssigkeit 
aus dem Munde gedieh. In den übrigen Versuchen traten nur die characteristischen Anfälle auf 
mit Erschlaffen der Cardia und Volumsabnahme des Magens aber ohne Entleerungen; und unser 
Experimentator sieht selbst die Erklärung jenes Falles in der horizontalen Rückenlage des Ver- 
suchsthieres, denn schon bei einem in halb aufrechter Lage befestigten Hund war es ihm nicht 
möglich, einen gleichen Erfolg zu erzielen. 
Bei der Beurtheilung der obigen Theorie verdient nun vor allen Dingen bemerkt zu wer 
den, dass man Beobachtungen, die man an Hunden gemacht hatte, ohne Weiteres auf den 
Menschen übertrug, ohne sich vorher der Identität der anatomischen Verhältnisse zu vergewissern, 
Von dem anatomischen Bau der Speiseröhre beim Menschen und bei verschiedenen Thieren
	        

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