Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

das Citat nur, weil Rühle, trotzdem er vorher diesen Versuch bespöttelt hat, später denselben 
doch wieder mit zum Beweise seiner eigenen Behauptungen anzieht. 
Rühle schlägt bei seinen eigenen Experimenten zunächst noch keinen besseren Weg ein 
als Budge. Er sticht bei Hunden, nachdem er bereits eine Stunde vorher die Bauchhöhle 
eröffnet und die Thiere dann hat brechen lassen, nun auch noch durch das Zwerchfell und eröffnet 
die linke Pleurahöhle. Wie er selbst angiebt, verletzt er dabei in der Regel das linke Mediastinal- 
blatt, und das Thier zerreisst durch forcirte Respiration auch noch das rechte, sodass nun beide 
Lungen collabiren. So geschieht es im Versuche VII. Rühle sieht noch bei dem bereits »sehr 
unruhigen Thier« — bei dem wahrscheinlich schon Erstickungskrämpfe eingetreten sind — zwei 
mal den Oesophagus in seiner ganzen Länge plötzlich weiter werden, dann verendet das Thier. 
Im Versuch XI. wiederholt er dasselbe und sieht am Oesophagus »abwechselnde Verengungen 
und Erweiterungen, bald schnellere, bald langsamere, ebenso Auf- und Abwärtsbewegungen; aber 
es gelang nicht einen Brechanfall hervorzurufen, sondern das Thier starb rasch.« Damit giebt er 
also selbst an, dass das, was er an der Speiseröhre beobachtet, nicht als Brechanfall anzusehen 
sei. Im Versuch XVI. schneidet er sogar bei dem mit eröffneter Bauchhöhle schon längere Zeit 
daliegenden Hunde beiderseits die Intercostalschichten zwischen 6ter und 7ter Rippe durch und 
ebenso das Brustbein in gleicher Höhe und sieht »einigemal Verengung und Erweiterung, sowie 
langsame Auf- und Abwärtsbewegungen« an der Speiseröhre. Im Versuch XII. aber leitet er bei 
einem Hunde, dem er beide Pleurahöhlen eröffnet hat, die künstliche Respiration ein — das einzige Mal 
in allen Versuchen, die er ausgeführt hat — und sieht nun holgendes: »Die Speiseröhre zeigte abwech 
selnd Verengung und Erweiterung, und bewegte sich zuweilen etwas nach oben, verweilte einige Secun- 
den in dieser Lage, und bewegte sich dann wieder nach unten. Gewöhnlich geschah die Aufwärtsbewe 
gung nach vollendeter Inspiration, die Abwärtsbewegung nach vollendeter Exspirationsbewegung. 
Brechbewegungen hervorzubringen gelang nicht mehr.“ Man darf hierbei nicht vergessen, dass die 
starke Befestigung, die den Oesophagus an den Kehlkopf und den Schlundkopf hält, zur Folge hat, dass 
auch er gleichzeitig mit den Bewegungen jener beweglichen Organe Auf- und Abwärtsbewegungen 
passiv ausführen kann, wovon ich mich auch bei meinen eigenen Untersuchungen bald überzeugt habe. 
Ob solche Bewegungen des Kehl- und Schlundkopfes gleichzeitig stattgefunden oder gefehlt haben, 
ist von Rühle nicht gesagt. Er macht dann noch zwei Experimente, in denen er eine neue 
Methode der Beobachtung einschlägt. • Er legt bei Hunden den Oesophagus am Halse blos und 
beobachtet die Bewegungen desselben an einem P aden, den er durch dessen Wand zieht. In dem 
ersten Versuche sieht er am Ende einer Exspiration plötzlich Folgendes eintreten: a) Aufwärts 
bewegung des Kehlkopfes, b) starke Volumszunahme des biosgelegten Oesophagus, ungefähr eine 
Secunde anhaltend, dann c) Volumsabnahme mit d) Entleerung flüssiger Stoffe. In dem andern 
Experiment beobachtet Rühle gleichzeitig den Oesophagus am Halse und das cardiale Ende des 
selben in der eröffneten Bauchhöhle. In dem Moment, wo das Zwerchfell und die Bauchmuskeln 
die beim Erbrechen eintretenden Bewegungen ausführen, sieht er am Halse Zungenbein und 
Kehlkopf sich abwärts bewegen, während der Oesophagus hier ruhig bleibt, und gleichzeitig macht 
das Oesophagusende in der Bauchhöhle eine unbedeutende Aufwärtsbewegung, während das 
Volumen des Magens sich vermindert. Erst am Ende des Brechactcs unmittelbar vor der Ent 
leerung von Stoffen sah er eine Aufwärtsbewegung des Halstheiles des Oesophagus gleichzeitig 
mit Aufwärtsbewegung des Kehlkopfs und Zungenbeins eintreten. Aus diesen Beobachtungen 
schliesst Rühle nun, dass Contraction der unteren Speiseröhrenhälfte Ursache der am Cardial- 
tlieil wargenommenen Aufwärtsbewegungen sei, weil er keine andere Möglichkeit zur Erklärung 
dieser Thatsache sieht. Er giebt indess selbst an, dass er das Verhalten des Brusttheiles beim 
Brechacte direct nie gesehen habe, und nimmt damit den früheren Versuchen, die er in dieser 
Richtung angestellt hat, selbst alle Beweiskraft. Es ist nicht einmal die Möglichkeit solcher Be 
wegungen, wie er sie supponirt, aus seinen früheren Versuchen ohne Weiteres einleuchtend.
	        

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