Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Forschungen über die Betheiligung des Oesophagus gestatten, Rückschlüsse auf die Wirkungs 
weise der andern beim Brechact in Frage kommenden Organe zu machen und so zu einer ein 
heitlichen Auffassung zu gelangen. 
Von den ersten Zeiten an, wo man sich mit dem Studium des Brechactes, beschäftigte, 
und unsere Berichte reichen bis an das Jahr 1686 zurück, handelte es sich um die Streitfrage: 
Ist der Magen selbstthätig im Brechact, oder wirken nur äussere Factoren, vor Allem die musku 
lösen Wandungen der Abdominalhöhle auf ihn ein? Chirac glaubte aus seinen Experimenten, 
die um das vorhin genannte Jahr ausgeführt wurden, auf eine nur passive Rolle des Magens 
schliessen .zu können, indem er keine Contractionen von irgend welchem Belang am Magen war 
nahm und den starken Druck, d en Zwerchfell und Bauchmuskeln auf denselben ausüben, consta- 
tiren konnte. Andere wollten eigene Contractionen des Magens beobachtet haben. Haller 
schreibt sogar die Hauptthätigkeit der Magenmuskulatur zu, ohne gerade beweisende Experimente 
dafür anzuführen. In den von ihm gesammelten anatomischen Disputationen finden wir allerdings 
eine von Benjamin Schwartz, die Bemerkenswerthes bringt. Dieser Autor will bisweilen an 
Hunden, die er brechen liess, Contractionen des Pylorustheiles des Magens gesehen haben. Er 
misst ihnen indess keine grosse Wirkung bei, da er durch sie allein nie Brechen hervorgebracht 
sah; vielmehr sieht er durch sie nur den Uebertritt von Mageninhalt in das Duodenum verhindert. 
Mit dem Aufhören des Brechens sah er sie auch oft in vom Fundus zum Duodenum gerichtete 
Bewegungen Umschlägen. Die berühmten Versuche Magendie’s, die er in seinem »Memoire 
sur le vomissement« niedergelegt hat, verschafften der Theorie Chirac’s neue Stützen. Nachdem 
Magendie eine Schweinsblase an Stelle des exstirpirten Magens mit dem Oesophagus in Zusam 
menhang in die Bauchhöhle gebracht und dann die Bauchwunde geschlossen hatte, gelang es ihm 
in der Blase befindliches Wasser durch das Thier erbrechen zu lassen. Damit war wenigstens 
soviel bewiesen, dass eine etwaige eigene Contraction des Magens beim Brechacte entbehrt wer 
den kann. Dass eine solche überhaupt nicht stattfinde, glaubte Magendie daraus abnehmen zu 
können, dass er an dem Magen, sowohl wenn er ihiCdurch ein Loch in den Bauchdecken im Momente 
des Bi echactes beobachtete, als auch dann, wenn er ihn aus der Bauchhöhle herauszerrte und nun 
das Thier Brechanstrengungen machen liess, keine Contractionen warnahm. Auf eine Beob 
achtung Magendie’s müssen wir hier etwas näher eingehen, weil sie uns für unsere späteren 
Auseinandersetzungen von Wichtigkeit ist. Er sah nämlich zu wiederholten Malen, kurz dem 
Erbrechen yorausgehend, eine starke Aufblähung des Magens, selbst wenn dieser in der Bauch 
höhle liegend der Wirkung der ihn comprimirendcn Factoren ausgesetzt war. Einmal soll durch 
diese Aufblähung der Magen bis auf das Dreifache seines vorherigen Volumens ausgedehnt sein. 
Magendie unterband dann den Pylorus und fand trotzdem die Aufblähung, es musste also durch 
die Speiseröhre die Luft in den Magen gelangen. Das Verhältniss, in dem Zwerchfell und Bauch 
muskeln wirken, fand er so, dass ein Hund nur schwer bricht, wenn das Zwerchfell gelähmt ist 
relativ leicht aber, wenn bei freier Action des Zwerchfells die Wirkung der Bauchmuskeln aufge 
hoben ist, dadurch dass diese von dem unterliegenden Peritonäum abpräparirt sind. 
Im Jahre 1840 trat nun Budge mit einem Buche an die Öffentlichkeit, das die ganze 
Lehre vom Erbrechen umfassend behandelte.*) Es enhält eine reichliche Menge von Beobachtun 
gen, die Schlüsse indess, die Budge daraus zieht, bringen wieder eine solche Verwirrung in die 
ganze Angelegenheit, dass es wohl an der Zeit war, als Rühle einige Jahre später das Werk 
einer scharfen Kritik unterzog und seine besser fundirten Sätze ihm entgegenstellte.**) Budge 
leugnete durchaus nicht die hauptsächliche Wirksamkeit des Zwerchfells und der Bauchmuskeln, 
er schrieb [nur von Neuem der Muskulatur des Magens eine Wirksamkeit zu, die unter Umständen 
*) Budge: »Die Lehre vom Erbrechen nach Erfahrungen und Beobachtungen«. Bonn 1840. 
**) Rühle: »Der Autheil des Magens beim Mechanismus des Erbrechens mit einem Anhang über den Anthei 
der Speiseröhre«, in Traube’s »»Beiträge zur experimentellen Pathologie und Physiologie«« 1. Heft. Berlin 1846.
	        

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