Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Man muss sich darüber wundern, dass über einen Gegenstand wie der Mechanismus des Brech 
actes seit so langen Jahren durchaus keine neue Untersuchungen angestellt, wenigstens keine 
solche veröffentlicht sind, während doch die Brechen erregenden Ursachen einerseits wie anderseits 
die Zweckmässigkeit der Einleitung des Brechens für die Therapie verschiedener Krankheiten 
häufig genug Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung und der Controverse unter den 
Aerzten gewesen sind. Und doch erscheint es gerade für die Entscheidung der Frage, was man 
von der Anwendung der Brechmittel in der Therapie gewisser Krankheiten erwarten kann, unbe 
dingt erforderlich, dass man sich über den Mechanismus beim Zustandekommen des Brechactes 
völlig klar sei. Wir finden aber noch in der Schrift von Traube über die »Syptome der Krank 
heiten des Respirations- und Circulationsapparates« in dem Capitel über das Erbrechen, woselbst 
der Mechanismus des Brechens wie auch die Wirkungen desselben auf die Körperorgane im nor 
malen und im pathologischen Zustande ausführlich besprochen werden, als alleinige Basis der Er 
örterungen die Versuche Rühles, die bereits im Jahre 1846 ausgeführt sind. Vor dieser Zeit ist 
die Untersuchung der mechanischen Vorgänge beim Brechact bei den Physiologen und Pathologen 
sehr beliebt gewesen, das beweist uns die reichhaltige aus früheren Jahrhunderten und aus dem 
Anfänge des unsrigen stammende Litteratur über unsern Gegenstand.' Fragt man indess, ob die 
gemachten Experimente die Kunde von den mechanischen Vorgängen beim Brechacte so voll 
ständig zum Abschluss gebracht haben, dass die Experimentalphysiologie unsrer Tage selbst mit 
weit vollkommneren Hülfsmitteln nichts Wesentliches hinzuzufügen hoffen könnte, so müssen wir 
dies schon verneinen, wenn wir sehen, dass Rühle selbst, indem er die Schlüsse aus seinen 
Beobachtungen summirt, noch einige Lücken andeutet. Besonders ist es die Betheiligung des 
Oesophagus, — die Rühle nur anhangsweise behandelt — die noch nicht völlig klar gelegt 
erscheint und die nach meinen Beobachtungen eine ganz andere ist, als jener annimmt. 
Mit grösserer Genauigkeit kennt man den Antheil anderer Factoren am Brechact, vor 
Allem den leicht einzusehenden des Zwerchfells und der Bauchmuskeln, deren gleichzeitige Con 
traction in der gesammten Bauchhöhle einen höheren Druck erzeugt, besonders aber den gefüllten 
Magen, vermöge seiner dazu günstigen Lage im Peritonäalsacke, allseitig zusammen presst. Mehr 
Dunkel herrscht noch bei den Autoren über die Betheiligung der Muskulatur des Magens selbst, 
indess ist man in neuerer Zeit mehr geneigt, entweder diesem Organ eine rein passive Rolle 
zuzuschreiben, oder doch den Bewegungen seiner Muskellagen für den Brechact nur eine unter 
geordnete Wirkung beizumessen. Die Frage nach der Betheiligung aller der einzelnen Kräfte ist 
eine so zusammenhängende, dass wir, um einen sicheren Einblick in den Vorgang zu ermöglichen, 
wenigstens eine kurze Uebersicht über die Hauptergebnisse der Forschung, auch soweit sie jene 
andern Theile des Mechanismus betreffen, vorausschickcn müssen.’) Ausserdem werden uns unsere 
*) Eine genaue Besprechung der Litteratur dieses Gegenstandes findet sich bei Longet: »Traite de physiologiec. 
T. i. Paris 1861. p. 137 ff-
	        

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