Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Zangenblätter beanspruchen, fällt um so weniger ins Gewicht, als doch immer durch den Druck 
den sie ausüben, der Umfang des Kopfes in dieser Richtung um etwas vermindert wird. Wohl 
aber lässt sich nicht leugnen, dass beim schliesslichen Hervorheben des Kopfes die über die 
Stirn vorspi ingenden Spitzen der Zange den Damm gefährden können, weshalb es gerathen ist 
wo nicht gänzlicher Wehenmangel Statt findet, die Zange abzunehmen, sobald die grosse Fon 
tanelle über den vorderen Rand des Dammes hervorgetreten ist. 
Uebereilt dagegen der Geburtshelfer die Extraction, ohne den Theilen die Zeit zur all 
mählichen Ausdehnung zu gestatten, setzt er bis zu Ende, anstatt sich auf die Leitung des Kopfes 
zu beschränken, den Zug fort während der Wehe oder übt ihn wohl gar in falscher Richtung 
aus, oder lässt sich auch nur durch die Austreibung des Kopfes überraschen, so wird bei Erst 
gebärenden wohl immer eine Verletzung des Dammes die Folge dieses Ungeschickes sein. 
In unserer Statistik erscheint der Damm bei Erstgebärenden, soweit die Ungleichheit der 
Beobachtungszahlen ein Urtheil gestattet, durch die Operation entschieden mehr gefährdet, als 
durch die spontane Geburt. 
Unter iooo Geburten wurde die Zange 57 mal angelegt, darunter 48 mal bei Primiparis. 
Auf die 57 Zangenoperationen kamen 35 Dammrisse = 61,4 pCt, sämmtlich bei Pri 
miparis. 
Die Zange wurde angelegt bei 48 Primiparis, dabei 35 Dammrisse — 72,9 pCt. 
Spontane Geburt „ 45^ „ „ 184 „ = 40,3 „ 
Günstiger ist das Resultat, auch für Erstgebärende, bei der manuellen Extraction- des 
nachfolgenden Kopfes, trotz der geringen Zeit, die hier durchschnittlich der Schamspalte zur 
Ausdehnung gelassen werden kann. 
Die Extraction wurde ausgeführt 32 mal, dabei 3 Dammrisse = 9,3 pCt. 
Bei Primiparis 8 mal, dabei 2 Dammrisse = 25,0 pCt. 
„ Multiparis 24 „ „ 1 Dammriss — 4,4 „ 
Die grössere Gefahr für Primiparae tritt auch in dieser Tabelle um so schlagender hervor, 
als sich unter den Kindern derselben zwei gemelli befanden. 
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, noch einige Worte über die Episiotomie und deren 
Nutzen zu sagen. Diese Operation hat bekanntlich den Zweck, in Fällen, wo anscheinend die 
Elastizität des Dammes überall nicht oder wenigstens nicht in der muthmasslich gegebenen Zeit 
für die nöthige Erweiterung der Schamspalte ausreicht, diese Erweiterung durch seitliche Inci- 
sionen zu bewirken und dadurch die vorzugsweise bedrohte Partie des Dammes möglichst zu 
entlasten. 
Wir bedienen uns bei derselben einer gewöhnlichen geraden Scheere, die nach meinem 
Dafürhalten entschieden den Vorzug vor dem Messer verdient, weil man die Richtung und Grösse 
des Schnittes viel mehr in seiner Gewalt hat. Während wir mit der einen Hand die Haut nach 
aussen zurückschieben, führen wir mit der anderen Hand die Scheere an der gewählten Stelle 
zwischen Kopf und den sich fest an denselben anschmiegenden straffen Faserring ein und inci- 
diren, sobald dieser Ring seine grösste Spannung erreicht, indem wir zugleich durch einen ver 
stärkten Druck gegen den Damm den sofortigen Austritt des Kopfes verhindern. Mehr als eine 
Incision an jeder Seite zu machen, ist unnöthig. Wir wählen für dieselbe eine Stelle, welche bei 
gedehnter Schamspalte etwa 3 Cm. von der hinteren Commissur entfernt ist und machen die 
Schnitte in der Richtung nach dem tuber ischii ca. 1—1, 5 Cm. lang. Zuweilen kommt es vor, 
dass die Wunden nach dem Durchtritt des Kindes stark klaffen oder dass aus denselben eine 
Blutung besteht. Wir pflegen alsdann die Wunde durch eine Naht zu vereinigen, wodurch die 
Blutung sogleich gestillt wird.
	        

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