Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Ich habe nun in den folgenden Zeilen versucht, aus den mir vorliegenden Thatsachen 
einige Momente festzustellen, die nachweisbar die Entstehung von Dammrissen begünstigen. Im 
einzelnen Falle ist es freilich kaum zu sagen, dass dieses oder jenes Moment bei der Entstehung 
des Dammrisses für sich allein wirksam gewesen sei, denn einmal wird in den meisten Fällen die 
Ruptur durch das Zusammenwirken einer ganzen Reihe von Momenten bedingt sein und zweitens 
können einige Momente, welche sonst an und für sich die Entstehung von Dammrissen begün 
stigen, durch andere wieder ausgeglichen werden, so z. B. die Enge der Schamspalte durch lang 
samen Austritt oder Kleinheit des Kopfes und umgekehrt. Wir sehen hieraus schon, dass wenn 
wir auch häufig die wirksamen Ursachen im Allgemeinen zu erkennen im Stande sind, wir auch 
wieder ebenso häufig über das nächste ätiologische Moment im Unklaren bleiben werden. 
Dammverletzungen sind, glaube ich, viel häufiger, als im Allgemeinen angenommen wird. 
Wenn Preiter*) ein Procentverhältniss von 3,177 angiebt, so ist diese Zahl nach unseren Er 
fahrungen viel zu gering. Unter tausend Geburten in der Kieler Gebäranstalt haben sich 276 
Dammrisse ereignet = 27,0 pCt. Zu diesen 276 Dammrissen kommen ausserdem noch 51 Ein 
risse der hinteren Commissur und 12 Risse der Scheidenschleimhaut, so dass wir in Summa 339 
Verletzungen haben = 33,9 pCt. Die Ursache dieser erheblich grösseren Zahl von Dammrissen 
bei uns ist nicht in einer fehlerhaften Methode des Dammschutzes oder Mangel an Sorgfalt in der Aus 
führung, sondern darin zu suchen, dass nach jeder Geburt eine sehr genaue Ocularinspection des Dam 
mes vorgenommen wird und sich daher auch die kleinsten Verletzungen unserer Beobachtung nicht 
entziehen können und sämmtlich in das Journal eingetragen werden. Zur Begründung des zuletzt Ge 
sagten erlaube ich mir, ehe ich weiter auf den eigentlichen Zweck meiner Arbeit eingehe, kurz einige 
Worte über die Methode des Dammschutzes, welche in unserer Anstalt üblich ist, vorauszuschicken. 
Zunächst die Lagerung der Kreissenden. In der bei weitem grössten Zahl der Fälle 
werden bei uns die Gebärenden in der Rückenlage entbunden und zwar so, dass der Steiss durch 
ein Siebold’sches Kissen erhöht wird. Die Beine der Gebärenden werden nur mässig weit ge 
spreizt, um eine unnöthige Dehnung des Dammes in die Quere zu vermeiden, nur eben weit 
genug, um der austretenden Frucht genügend Raum zwischen sich zu lassen. Da es ferner, wie 
wir später sehen werden, gewöhnlich für die Erhaltung des Dammes wünschenswerth ist, dass 
der letzte Act der Austreibungsperiode möglichst langsam vor sich gehe, so suchen wir diesen 
wo möglich den Uteruscontractionen allein zu überlassen, indem wir erstens der Kreissenden zu 
dieser Zeit das Mitpressen untersagen, zweitens aber auch die Plandhaben und Stützen zum Mit 
pressen entfernen — in keinem Falle darf die Action der Bauchpresse mit der Wehe zusammen 
fallen. Wird nun der Kopf in der Schamspalte sichtbar, so wird die unterstützende Hand in 
der gewöhnlichen Weise lose an den Damm gelegt, ohne jedoch schon irgendwie Kraft aufzu 
wenden, sondern nur, um bei einem etwa plötzlich erfolgenden Andrang des Kopfes die Mög 
lichkeit zu haben, schnell genug den Damm zu unterstützen resp. den Austritt zu verlangsamen. 
Die eigentliche Unterstützung des Dammes beginnt erst in dem Augenblicke, wo der Kopf oder 
der Steiss anfangen, den Damm stärker zu spannen, und zwar wird mit dieser Unterstützung 
ein Doppeltes bezweckt. Einmal soll, wie schon gesagt, der Austritt überhaupt verlangsamt und 
zweitens, worauf ein bedeutendes Gewicht zu legen ist, soll bei Schädellagen durch einen von 
unten und vorn nach oben und hinten, ungefähr also gegen die Mitte des Kreuzbeins gerichteten 
Druck ein möglichst günstiger Mechanismus herbeigeführt werden. Bei normaler Geburt, wo die 
kleine Fontanelle vorn oder nur wenig rechts oder links von der Symphyse steht, wird ein 
solcher Druck vorzugsweise das Vorderhaupt treffen müssen. Wirkt nun zu gleicher Zeit von 
oben her der Wehendruck, so wird, da das Vorderhaupt als der längere Hebelarm einen durch 
die Hand bedeutend verstärkten Widerstand erfährt, der Wehendruck vorzugsweise- auf den 
*) Dr. A. Preiter: Ueber Dammrisse, Inaugural-Dissertation. München, 1867.
	        

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