Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Gravelotte in eine Scheune gebracht, wo er 6 Tage lag, hierauf ins Feldlazareth zu Verneville, 
wo er bis zum 7. Oct. blieb. 5 Wochen lang ging aller Urin hinten und vorn durch die Wunde 
a b, d. h. Patient urinirte durch dieselbe, Incontinentia war nicht vorhanden. Durch das Orificium 
urethrae ist seitdem kein Urin mehr gegangen. 8 Tage nach der Verwundung wurden vergeb 
liche Versuche gemacht, den Katheter einzuführen, auch in der Narkose. Pat. hatte anfangs 
Stuhlverstopfung, erst nach 8 Tagen wurden mit Hülfe von Oel grosse harte Massen entleert. 
Am ii. October wurde Pat. nach Deutschland in die städtischen Baracken Berlins gebracht, wo 
die vordere Wunde sich bald schloss (die hintere war schon 6 Wochen nach der Verwundung 
geheilt); nun konnte der Urin nur noch tropfenweise aus der Urethra gepresst werden; bald 
wurde auch dies schwieriger und als schliesslich gar kein Urin mehr entleert werden konnte, 
wurde in der Narkose mittelst einer spitzen Leitungssonde ein Katheter in die Blase gebracht; 
nachher kam viel Blut. Am folgenden Tage wurde Pat. noch einmal in der Narkose, später 
ohne Chloroform katheterisirt. Am 18. Dec. wurde er entlassen: er konnte sich selbst kathete- 
risiren, was er anfangs 2 mal, jetzt nur. noch einmal täglich thut. Er kann sonst nur tropfen 
weise im Stehen uriniren; sobald er sich aber auf einen harten Gegenstand setzt, sodass der 
Damm einen Druck erleidet, kann er in feinem Strahl uriniren. Patient trinkt seit 14 Tagen 
Wildunger Wasser, wonach der früher trübe Urin klarer geworden ist. 
Status praesens. Der Penis ist verkürzt, links oben mit den Bauchdecken verwachsen; 
bei Erectionen, welche schmerzhaft sind, tritt Chorda und Erbrechen ein. Pat. hinkt noch etwas, 
obgleich das Bein viel besser geworden ist. Er führt sich selbst einen dicken silbernen Katheter 
ein, der in der Dammgegend eine leichte Drehung nach links macht und dann langsam in die 
Blase gleitet; beim Zurückziehen hört man ein deutliches „Gnupsen“. Die bedeckende Haut des 
Penis und das Präputium hängen rechts unten wie ein schlaffes Segel herab. 
Am 22. XI wurde die Boutonniere gemacht. Die Operation dauerte fast 3 Stunden; 
Pat. war während derselben sehr unruhig und verbrauchte fast 1 TB Chloroform. Zuerst wurde 
eine gefurchte Steinsonde eingeführt und gegen diese hin der Damm in der Raphe gespalten; 
hierbei trat eine ziemlich heftige Blutung auf aus dem Bulbus urethrae und der Pars prostatica, 
welche durch 3 Unterbindungen gestillt wurde. Mittelst geknöpften Bistouris wurde hierauf die 
Strictur gespalten und ein elastischer Katheter in die Blase geführt; beim letzten Schnitt kam 
wieder eine ziemlich heftige Blutung, die durch Schwamm-Tampons gestillt wurde. Nach 
dem dann der Penis vom Bauch gelöst war, wobei namentlich das verkürzte Lig. suspens. 
penis getrennt werden musste, und die Artt. u. Ven. dorsales mehrfach verletzt und unter 
bunden wurden, spaltete der Operateur' den Hautsack unterhalb der Narbe und trennte den 
selben in 2 Hälften, welche abgelöst und wieder je in 2 Theile getheilt wurden, bis 4 Haut 
lappen entstanden, welche zur Bedeckung des allmählich ganz von Haut entblössten Penis verwandt 
wurden. Die Urethra wurde beim Ablösen in der Pars pendula angeschnitten, wobei ein weizen 
korngrosses Loch entstand, welches sogleich mit 3 feinen Näthen geschlossen wurde, deren Enden 
seitwärts unter dem Hautlappen hervorragten. 
Einige Stunden nachdem Pat. zu Bett gebracht war, trat eine Blutung aus der Damm 
wunde auf, das spritzende Gefäss war jedoch nicht zu finden, und die Blutung, welche aus der 
Tiefe kam, musste deshalb durch Tamponade gestillt werden. In den folgenden Tagen wurde 
ein Theil des rechten Penislappens gangränös; Pat. klagte viel über Schmerzen; es erfolgten 
einige Schüttelfröste, Pat. wurde icterisch und starb 14 Tage nach der Operation. Die Section 
wurde nicht gestattet. 
Mit Vergnügen ergreife ich die Gelegenheit, um allen meinen hochverehrten Lehrern für 
das mir erzeigte Wohlwollen, Herrn Geh. Rath Prof. Esmarch aber noch besonders für die Ueber- 
lassung des Materials zu dieser Arbeit und für die freundlichen Rathschläge meinen innigsten 
Dank auszusprechen.
	        

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