Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

Aber nicht allein bei Operationen an den Extremitäten, sondern auch bei 
Operationen an den männlichen Geschlechtstheilen, leistet der Gummischlauch vor 
treffliche Dienste. Prof. Esmarch hat zweimal die amput. penis und einmal die castrat. 
ohne wesentlichen Blutverlust gemacht. Er liess nämlich vorher den Schlauch um 
die Wurzel des Scrotums anlegen, die Enden desselben sich über der Basis des Penis 
kreuzen und sie hinten in der Kreuzbeingegend befestigen. Nur das Blut, was sich 
in den äusseren Harn- und Geschlechtsapparaten mit ihren Umhüllungen befand, 
floss ab. 
Wenn auch aus dem Mitgetheilten hervorgeht, dass man die Blutzufuhr ohne 
wesentlichen Nachtheil längere Zeit, selbst bis über eine Stunde durch den Gummi 
schlauch absperren kann, so gebietet doch die Vorsicht, zu untersuchen, ob nicht 
einige Gefahren damit verbunden sind, namentlich ob nicht die Nerven und Gefässe 
Veränderungen erleiden. Zu dem Zwecke habe ich Versuche an mir selbst angestellt. 
Ich liess zunächst meine obere Extremität mit einer Gummibinde in der oben be 
schriebenen Weise bis zur Mitte des Oberarms einwickeln, dann unmittelbar oberhalb 
derselben einen Gummischlauch anlegen und dara,uf die Binde entfernen. Ich beob 
achtete nun jedes Mal Folgendes: Nach Abnahme der Binde glich der Arm dem einer 
Leiche: er war blass und sah etwas dünner als der der andern Seite aus. In den 
ersten 5 Minuten empfand ich ein sog. Ameisenkriechen in den Fingern, was immer 
stärker wurde und nach 6—7 Minuten sich in ein Stechen verwandelte und bei Be 
rührung eines festen Gegenstandes besonders intensiv wurde. Nach 5 Minuten ver- 
spürte ich eine Abnahme der Kraft und des Gefühls in der Hand. Nach 9—10 Mi 
nuten befanden sich die Finger in etwas flectirter Stellung. Sie konnten nicht voll 
ständig extendirt, wohl aber flectirt werden. Jedoch war die Kraft so sehr geschwunden, 
dass ich keinen Gegenstand ordentlich zu fassen vermochte. Nach 12 Minuten war 
jede active Bewegung der Finger unmöglich und das Tastgefühl erloschen. Gleich 
zeitig begann das Ameisenkriechen im Vorderarm, der bis dahin noch keine Erschei 
nungen geboten hatte ausser einem dumpfen Schmerz im Bereiche der Extensoren. 
Bald nahmen die aktiven Bewegungen im Handgelenk merklich ab und ebenso die 
Sensibilität im Arm. Nach 15 Minuten musste ich wegen zu bedeutender Schmerzen 
an der Einschnürungsstelle den Schlauch abnehmen lassen. Sowie dies geschehen 
war, schoss das Blut plötzlich bis in die Fingerspitzen hinein. Die ganze Extremität 
röthete sich stark. Die Bewegungen wurden sofort wieder freier. Die Röthung verlor 
sich verschieden spät: nach einer viertel, halben, ganzen Stunde — je nach der 
Dauer des Experimentes und der Gewalt, mit welcher der Schlauch umgeschnürt war. 
Immer blieb eine Schwäche längere Zeit im Arme zurück. In einem Falle sogar, wo 
der Schlauch nur 12 Minuten aber so fest angelegt war, dass er zerriss, gewann der 
Arm erst nach 36—48 Stunden seine natürliche Kraft wieder. Ich glaube, dass diese 
Erscheinung laut genug zur Vorsicht'mahnt. Wie oft kommt es nicht vor, dass ein
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.