Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

diesen Kniegelenken war ganz mit solchen Granulationen ausgefüllt, Knorpel und 
periarticuläres Gewebe war in grosser Ausdehnung zerstört. Die Operation dauerte 
35 Minuten, und während derselben verlor der Kranke kein Blut. Dagegen trat nach 
Abnahme des Schlauches, wie die Unterbindungen gemacht wurden, eine stärkere 
Blutung ein. 
Ferner habe ich unter der Aufsicht meines verehrten Lehrers bei einem 
Manne, dem die Haut der Hand und des Vorderarms in grosser Ausdehnung von 
Fupus zerstört war, mit dem Volkmann’schen Löffel das kranke Gewebe entfernt, 
ohne dass auch nur die geringste Blutung eintrat, welche auch noch nach Abnahme 
des Schlauches ausblieb, weil die wunden Flächen mit der oben erwähnten sog. 
gelben Watte bedeckt waren. 
Prof. Esmarch hat in letzter Zeit eine Hüftgelenksresection gemacht, nachdem 
er vorher das Blut aus der erkrankten Extremität durch die Gummibinde heraus 
getrieben und darauf die Bauchaorta in der oben beschriebenen Weise comprimirt 
hatte. Der Blutverlust war zu Anfang der Operation recht bedeutend weil alles Blut, 
welches sich in den Gelassen der andern Extremitäten und der Unterleibshöhle be 
fand, aus der Wunde floss, und der Kranke, der ohnehin sehr heruntergekommen 
war, starb am folgenden Morgen. Ich glaube nun, dass es in solchem Falle vortheil- 
haft ist, zunächst das eine Bein ganz einzuwickeln, dann den Gummischlauch mög 
lichst hoch oben anzulegen und darauf die Binde abzunehmen, um mit derselben das 
Blut aus dem andern Bein herauszutreiben. Auch hier verhindert man durch einen 
zweiten Gummischlauch den Rückfluss des Blutes. Hat man so beide Extremitäten 
blutleer gemacht, so kann man sich der bereits benutzten Binde zur Compression der 
Aorta bedienen. Ist das geschehen, so entferne man die Gummischläuche. Das Blut 
Nun, welches sich in den Gefdssen zwischen der Binde und den Schläuchen befand, 
Wird sich jetzt nicht allein auf die erkrankte Extremität, wie im mitgetheilten Falle, 
sondern auch auf die gesunde vertheilen, und werden die Gefässe demnach weniger 
gefüllt sein, was einen geringeren Blutverlust bei der Operation zur Folge haben muss. 
Ich möchte noch auf einen andern grossen Vortheil, den diese unblutige 
Operationsmethode bietet, aufmerksam machen. Auf der hiesigen Klinik stellte sich 
vor einiger Zeit ein Mann mit einer Geschwulst am Daumen vor. Es war zweifelhaft, 
°b es sich um ein Granulom oder eine bösartige Neubildung handle. Prof. Esmarch 
machte die Hand blutleer, legte den Schlauch oberhalb des Handgelenks an, durch- 
schnitt die Geschwulst und erkannte auf der Schnittfläche, dass er ein Carcinom vor 
sich habe und schritt sofort zur Exarticulation des Daumens. Die Diagnose hätte 
Natürlich bei einiger Blutung nicht gestellt werden können. — In ähnlicher Weise 
hat Prof. Esmarch wiederholt genaue anatomische Untersuchungen an Knochen und 
Gelenken auf dem Operationstische vorgenommen, um zu entscheiden, ob Amputation 
°der conservative Behandlung vorzuziehen sei. —
	        

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