Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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bis zur Mitte des Oberschenkels wurde der Gummischlauch in der oben beschriebenen 
Weise angelegt und darauf die Binde entfernt. Professor Esmarch schnitt nun in 
der Gegend oberhalb des condyl. fern, intern, hinein und drang durch das Unter 
hautfettgewebe und die stark entwickelte Muskulatur auf den Knochen vor. Die 
Kranke verlor dabei fast keinen Tropfen Blut, obgleich jedenfalls mehrere nicht 
unbedeutende Zweige der art, femor. durchschnitten sein mussten. Durch Blutung 
wurde das Operationsfeld also nicht verdunkelt. Dennoch machte das Auffinden des 
Sequesters wegen der beträchtlichen Tiefe, in der operirt werden musste, grosse 
Schwierigkeiten. Erst nach einer Arbeit von 50 Minuten gelang es, einen todten 
Knochen von etwa 3 ctm. Länge herauszuholen. Nach Professor Esmarch’s Mei 
nung wäre die Operation ohne Anwendung der Binde und des Schlauches kaum aus 
führbar gewesen. Es wurde nun die Wunde mit Watte, die in liq. ferr. sesquichl, 
getaucht und nachher getrocknet war, ausgestopft und verbunden. Nachdem der 
Schlauch 1 Stunde und 8 Minuten gelegen hatte, wurde er abgenommen. Das Blut 
schoss jetzt mit einer rapiden Geschwindigkeit in die Extremität, so dass nach 
30 Secunden das ganze Bein bis in die Zehen hinaus stark geröthet war. Nach 
blutungen erfolgten nicht. Dagegen bildete sich in der Gegend, wo der Schlauch ge 
legen, an der Innenseite des Schenkels, eine Entzündung und später ein kleiner Abs 
zess, der aufbrach und mit der Operationswunde rasch heilte. 
Bei einer andern Nekrotomie am Oberschenkel fand die Compression im obern 
Dritttheil desselben statt. Es wurde ein Sequester von etwa 15 ctm. Länge extrahirt. 
Die Operation dauerte 40 Minuten. Auch dieser Kranke verlor kein Blut. Professor 
Esmarch operirte sogar in der Knochenhöhle unter dem Schlauch hinauf, ohne dass 
irgend eine Blutung eintrat. 
Im Juni wurde die Nekrotomie an beiden Schienbeinen eines Mannes gemacht. 
Es wurde jederseits ein Sequester von etwa 12 ctm. entfernt ohne Blutverlust. Die 
Gummischläuche wurden erst, nachdem sie 45 Minuten um die Beine geschnürt ge 
wesen, abgenommen. Es trat keine Nachblutung ein und die Heilung der Operations 
wunde nahm ihren guten Fortgang. 
Ausser diesen Nekrotomien sind in derselben Weise noch manche andere ge 
macht, die alle ganz unblutig verliefen. 
Ferner sind verschiedene Amputationen des Unter- und Oberschenkels, sowie 
Exarticulationen der Finger und Zehen auf unblutige Weise ausgeführt worden. Erst 
wenn der Schlauch gelockert und abgenommen wurde, traten Blutungen ein, die 
Unterbindungen nöthig machten. 
Vortreffliche Dienste hat auch der Gummischlauch und die Binde beim Aus 
kratzen von Lupus und Granulationen, die sich in Folge chronischer Entzündungen 
bildeten, geleistet. Prof. Esmarch hat im letzten Semester nach dieser Methode zwei 
Resectionen des Ellenbogengelenks und vier des Kniegelenks gemacht. Eins von
	        

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