Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

stärkere Blutung während der Operation zu verhindern und sieh dadurch die Arbeit 
zu erleichtern! Er trieb nämlich durch eine von unten nach oben bis zum Aneu 
rysma hin fest angelegte Binde das Blut aus der Extremität und legte unmittelbar 
oberhalb desselben ein Tourniquet an. Der Blutverlust war sehr gering, und der 
Operateur giebt die Versicherung, dass er nie mit grösserer Bequemlichkeit eine 
Operation der Art ausgeführt habe. 
Stromeyer hat nun im Laufe der Zeit die Sache nicht weiter verfolgt. 
Allein einige Jahre später erinnerte sich Prof. Esmarch, welcher bei jener Operation 
assistirt hatte, jenes Verfahrens, als er einen Oberschenkel wegen eines grossen 
Osteosarcoms amputirt hatte und die grosse Blutlache betrachtete, welche noch nach 
träglich aus der amputirten Extremität geflossen war. Dies veranlasste ihn, fortan 
vor jeder Amputation das Bein resp. den Arm mit einer leinenen Binde fest einzu 
wickeln bis zur Operationsstelle hinauf und auf diese Weise das Blut aus dem zu 
entfernenden Theile hinauszutreiben. Die arterielle Blutzufuhr wurde durch Com 
pression der Hauptarterie mittelst des Fingers oder Tourniquets oberhalb der Opera 
tionsstelle aufgehoben. Der Zweck, den mein verehrter Lehrer im Auge hatte, wurde 
nur theilweise erreicht. Es trat immer eine nicht unbedeutende Blutung zu Anfang 
der Operation ein, da bei diesem Verfahren das Stück, welches sich zwischen dem 
Ende der Binde und dem comprimirenden Finger oder Tourniquet befand, mit Blut 
gefüllt war. Ausserdem war die Compression in manchen Fällen nicht ausreichend, 
um den Zufluss des Blutes ganz zu verhüten. 
In neuerer Zeit hat nun Herr Prof. Esmarch das Verfahren derartig ver 
bessert, dass man mit Hülfe desselben die meisten Operationen an den Extremitäten 
ohne einen irgend erheblichen Blutverlust ausführen kann. Dieses Verfahren besteht 
darin, dass man den Arm oder das Bein von den Fingern resp. Zehen an bis über 
die Operationsstelle hinauf mit einer elastischen Binde fest einwickelt, dass man alles 
Blut aus den Weichtheilen heraustreibt, dann dort, wo die Binde -aufhört, eine so 
feste circuläre Einschnürung mittelst eines elastischen Gummischlauches macht, dass 
der Blutzufluss vollständig abgeschnitten wird und nun die Binde wieder entfernt. 
Die Extremität ist dann fast ganz blutleer (ischaemisch), und man kann an ihr ope- 
riren, wie an einer Leiche. 
Die Wirkung dieses Verfahrens ist nun eine so überraschend günstige, eine 
für den Kranken sowohl als für den operirenden Chirurgen so vortheilhafte, dass 
demselben noch eine grosse Zukunft bevorzustehen scheint. Ich habe deshalb auf 
Wunsch des Herrn Prof. Esmarch Versuche angestellt: theils an einem Soldaten von 
mittlerer Grösse und mittlerem Körperbau, um die für den Schlauch und die Binde 
nöthige Länge festzustellen — theils an mir selbst, um die Symptome, welche in der 
auf oben beschriebene Weise blutleer gemachten Extremität nach und nach auftreten, 
zu studiren theils an Kaninchen, um die anatomischen Veränderungen, die durch
	        

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