Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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noch fortsetzen. Man lässt den Patienten sich stark nach vorn beugen und führt nun 
mit der Faust massig starke Schläge gegen die Wirbelsäule aus, indem man von oben 
anfängt und Schlag für Schlag nach unten weiter geht, bis man an den schmerz 
haften Punkt gelangt. Führt man auf diese Weise die Untersuchung aus, so dürfte 
nur in sehr seltenen Fällen ein schmerzhafter, erkrankter W T irbel unentdeckt bleiben 
und die Diagnose ist dann im Verein mit den übrigen Symptomen verhältnissmässig 
leicht und sicher zu stellen. Hat sich bereits ein Pottscher Buckel oder ein Senkungs- 
abscess entwickelt, dann ist natürlich die Diagnose um so leichter zu stellen. Wie 
schon bemerkt wurde, treten letztere aber meist nur in einer späteren Periode auf 
und können auch während der Krankheit ganz fehlen. 
Die Senkungsabscesse, welche sich, dem Verlauf der Aorta folgend, im Ganzen 
mehr auf der rechten Seite des Körpers localisiren sollen, wiewohl dies nach den 
Beobachtungen in der chirurgischen Klinik zu Kiel nicht bestätigt wurde, dürften nicht 
leicht zu verkennen sein, wenn sie einmal an die Oberfläche gekommen sind. Man 
fühlt eine weiche, fluctuirende, meist schmerzlose Geschwulst, die nur bei tieferem 
Druck empfindlich ist, am häufigsten auf der Darmbeinschaufel oberhalb des liga- 
mentum Poupartii und später unterhalb desselben in der Schenkelbeuge. Aber auch 
auf dem Rücken neben der Wirbelsäule und tiefer, auf den Glutaeen kann sie zum 
Vorschein kommen. 
Seit langer Zeit wird nun bei Behandlung der Spondylitis in der chirurgischen 
Klinik zu Kiel ein Verfahren geübt, das, wie es auch in der Bekämpfung fast aller 
acuten und chronischen Gelenkentzündungen immer von dem schönsten Erfolge 
gekrönt wurde, bisher in den meisten Fällen zur Heilung geführt hat und zur 
Nachahmung auch in der Privatpraxis ganz nachdrücklich zu empfehlen ist, gerade 
weil es sich durch seine Einfachheit auszeichnet, keinen complicirtcn Apparat erfordert 
und eigentlich nur eine wesentliche Bedingung stellt: Geduld von Seiten des Arztes, 
Geduld, doppelte Geduld von Seiten des Patienten und dessen Umgebung. Es besteht 
dieses Verfahren in der Anwendung absoluter Ruhe und localer Wärrne- 
entziehuno-. Mit diesen so einfachen Mitteln wurden von 32 in hiesiger chirurgischen 
Klinik mit Spondylitis aufgenommenen Patienten 17 gänzlich geheilt. 11 Patienten 
verliessen noch vor ihrer Heilung das Hospital, weil sie zu Hause im Kreise der 
Ihrigen bis zur vollständigen Genesung Ruhe und Eis fortgebrauchen wollten. 
2 Patienten wurden ungeheilt entlassen, davon der eine kurz nach seiner Aufnahme 
wegen groben Ungehorsams, kann also eigentlich nicht mitgerechnet werden. Im 
Ganzen starben von der genannten Zahl nur zwei, der eine Patient nach Aufbruch 
eines Senkungsabscesses, der andere an Pneumonie, die er im Hospitale aquirirte. 
Das sind gewiss Resultate, die selbst gewaltig für sich sprechen. 
Die absolute Ruhe, die Immobilisirung der erkrankten Wirbelsäule lässt sich 
am besten und leichtesten herstellen durch die fortwährende Rückenlage auf einer 
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