Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Markes und in einer Länge von einem oder mehreren Zollen wahr; in einer noch 
spätem Zeit findet man oft völlige Auflösung des ganzen Markes; ... Es ist un 
wahrscheinlich, dass die Erweichung und Auflösung des Markes Folge einer Ent 
zündung sei.“ Für letztere Behauptung führt Brodie dann vier mehr weniger trif 
tige Gründe an und spricht schliesslich die Ansicht aus, dass die Erweichung bei 
Rückenmarks-Erschütterung der Erweichung des Gehirns, welche aus innern Ursa 
chen hervorgeht und von Rostan als Ramolissement du cerceau beschrieben ist, sehr 
ähnlich sei. Erichsen sagt in dem zu Anfang erwähnten Buche S. 17: „Welcher 
Art auch die durch eine Rückenmarkserschütterung hervorgebrachte Grundverände 
rung sei, die secundären Wirkungen sind augenscheinlich entzündlicher Art und 
identisch mit Meningitis und chronischer Myelitis.“ 
So dankenswerth die bis jetzt gemachten pathologisch-anatomishen Beobach 
tungen sind, das Wesen der Commotio medullae spinalis ist mit ihnen noch nicht 
ergründet. Jene Beobachtungen sind zu wenig zahlreich und einheitlich, zu sehr 
makroskopischer Natur, und die Fälle mit völlig negativem! Obductionsbefunde sind 
uns ein noch ganz ungelöstes Räthsel. Gerade diese Fälle sind zur Feststellung der 
durch die Erschütterung bewirkten primären Veränderung im Marke die wünschens- 
werthesten. An ihnen wird sich mit Hülfe des Mikroskopes das Wesen der Com 
motio am besten studiren lassen, an ihnen wird sich zeigen, ob und in welcher 
Weise die innerste Structur des Markes mit seinen zarten Ganglienzellen und fein 
sten Nervenfasern durch die Erschütterung gestört worden, und welcher Natur die 
auf solcher Störung basirten Erkrankungen des Centralnervensystems sind, ob dies 
einfache chronische Entzündungen oder complicirte Entartungen der Gewebe sind. Ob 
und in wie weit einige der primären Symptome einer Commotio med. spin, in der 
Annahme einer traumatischen Reflexparalyse der Gefässnerven ihre Erklärung fin 
den, wie Fischer dies für den Shok und die Commotio cerebri dargethan hat, wa 
gen wir nicht zu entscheiden, um so weniger, als es uns in keinem unserer Fälle 
vergönnt war die allerersten Symptome selbst zu beobachten. Man vergleiche in 
dieser Hinsicht die so sehr werthvollen Arbeiten Fischers (Klin. Vorträge Heft 10 
und 27) über Shok und Commotio cerebri. 
Chronische Entzündung mag ein häufiger und dennoch unwesentlicher Befund 
sein bei Rückenmarks-Erschütterung. Denn 1) war in den Fällen mit negativem 
Obductionsbefunde auch keine chronische Entzündung zu erkennen, 2) ist es denkbar, 
dass durch eine Erschütterung das Rückenmark nicht entzündet, aber zu Entzündung 
disponirt wird, sodass ein erschüttertes Mark erst dann von einer chronischen Ent 
zündung ergriffen wird, wenn entweder durch Schuld des Patienten oder durch eine un 
zweckmässige Behandlung dasselbe schädlichen Reizen ausgesetzt wird, 3) stimmt mit 
dieser Auffassung der Krankheitsverlauf vieler Fälle von Commotio medullae spinalis. 
Drum kann einer rationellen Behandlung der Commotio medullae spinalis 
auch nicht dringend genug die Ruhe des P. empfohlen werden. Diese muss vor
	        

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