Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

ganzen Krankheit stets die schwachem waren, ist die Lähmung früher aufgetreten 
als rechts und jetzt schon lange eine absolute. Rechts konnte ich bei sorgfältiger 
Untersuchung aller Muskelgruppen noch einen minimalen Rest motorischer Kraft 
nachweisen. Patient konnte nämlich die Zehen noch um ein Weniges flectiren. 
Wenn ich ihm ferner den rechten Arm über die Brust legte, vermochte er diesen 
im Ellbogengelenk zu beugen, die'Streckung desselben konnte er nicht ausführen; 
auch die Finger der rechten Hand beugte er noch und sagte er mir, dass es ihm 
tröstlich sei noch einen Händedruck andeuten zu können. Bei diesen geringen 
Bewegungen bedurfte es von Seiten des P. einer äussersten Kraftanstrengung, 
sodass er dabei das Gesicht verzerrte, als ob es gelte, einen Centner zu heben. 
Demnach brauche ich wol nicht zu berichten, dass P. gefüttert wird, wie ein Kind, 
dass ihm das Buch gehalten und umgeblättert wird u. s. w. Die Sphincteren haben 
den Dienst immer mehr versagt, sodass bei Stuhl- und Harndrang kein willkürli 
cher Verschluss mehr stattfindet; der Urin fliesst dann in ein im Bette angebrachtes 
Receptaculum; sind die Faeces dünnflüssig, so gehen sie ebenfalls unwillkürlich 
ab, sind sie consistenter, hat P. bei der erschlafften Bauchpresse oft die grösste 
Noth sich ihrer zu entledigen; meist leidet er an Verstopfung, und erfolgt unter 
grossen Qualen der Stuhlgang alle 3—7 Tage. Die Function der Gesichtsmuskeln 
ist noch völlig intact; P. macht kräftige Kaubewegungen und zeigt ein sehr lebhaf 
tes Mienenspiel. Auch Schlingen und Sprechen ist ungestört. Letzteres strengt 
ihn indess so an, dass er oft bittet, man möge jhm den Schweiss von der Stirne 
trocknen. Die Sensibilität ist merkwürdiger Weise am ganzen Körper vollkommen 
erhalten, auch will P. während seines 22jährigen Leidens niemals die geringste 
Störung in der sensiblen Sphäre wahrgenommen haben. Schmerzen hat P. seit Jah 
ren keine. Decubitus ist bis jetzt nicht aufgetreten. — Der Puls schlägt 88 
Mal pro Min. — Die Respiration zeigt einen exquisiten Abdominaltypus. — P. 
sieht nicht aus, wie ein Fünfziger, sein bleiches mageres Gesicht zeigt Altersfurchen 
eines Greisen. — Symptome von Seiten des Gehirns sind bis jetzt nicht aufgetreten, 
Verstand und Gedächtniss haben nicht abgenommen, die Sinnesorgane fungiren nor 
mal. Auch Circulation und Respiration scheinen ungestört. Der krankhafte Process 
hat sich also vom Rückenmarke nicht weiter verbreitet auf Medulla oblongata und 
Cerebrum. So liegt dieser Aermste da mit klarem Bewusstsein, hinter sich eine 
schreckliche Vergangenheit, vor sich eine hoffnungslose Zukunft. Wer möchte ihm 
zu seinem gesunden Verstände Glück wünschen! 
P'ragen wir nun noch einmal „Was ist die Commotio medullae spinalis?“ 
Unter den Autoren, welche sich eingehender mit der Commotio medullae 
spinalis befasst haben, legt sich auch Hilton diese Frage vor und sagt (s. on the 
influence of mechanical and physiological rest, Lecture III. pag. 50): ,,Was hat
	        

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