Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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heit und Vorsicht, besonders beim Umdrehen. Das Allgemeinbefinden ist . gut ge 
blieben, die Stimmung des P. eine freundlichere geworden; die Hoffnung auf eine 
vollkommene Wiederherstellung hat er aufgegeben. 
Im Dec. 1872 stellte sich H. G. auf der chirurgischen Klinik in Kiel Herrn 
I rof. Esmarch vor. Verfasser dieses konnte keine weitere Besseruug seit den letz 
ten Monaten constatiren. Herr Prof. Esmarch schlägt dem Manne vor, sich jetzt 
, einer langem galvanischen Behandlung zu unterziehen, doch hat H. G. sich bis jetzt 
nicht wieder eingestellt. 
III. Fall. 
, F. W. H. aus N. bei Lübeck, 51 Jahre alt, ein wohlgebauter Mann, in seiner 
Jugend stets gesund, hatte am 25. Juli 1850 in der Schlacht bei Idstedt, die er als 
Schleswig Holsteinischer Infanterist mitmachte, das Unglück, beim Ueberspringen 
eines breiten Grabens von einem hohen Wall (in der Holsteinischen Volkssprache 
„Knick“) aus zu fallen. Der erschütternde Stoss dieses Falles traf den Rücken in 
der linken Nierengegend hart an der Wirbelsäule. Patient lag eine Zeit lang be 
wusstlos. Erwacht empfand er einen heftigen Schmerz im Rücken und ein Sangein 
in allen Gliedern, das er selbst vergleicht „mit dem Gefühl, welches man hat, 
wenn man sich den (nervus ulnaris am) Ellbogen gestossen“; vor Schmerz konnte 
ei kein Glied rühren und wurde ins nächste Feldlazareth transportirt. Bei der 
Untersuchung fand sich, dass P. in Folge des Falles einen doppelten Leistenbruch 
acquiriit hatte; im Uebrigen konnte weder eine äussere noch innere Verletzung am 
Rückgrat und in der linken Nierengegend nachgewiesen werden. P. wurde zunächst 
nach Rendsburg und 5 läge später nach Altona ins Reservelazareth geschafft. 
I h atte sich der Schmerz und das lästige Sangein grösstentheils verloren. 
Eine genaue ärztliche Untersuchung in den genannten Lazarethen konnte ausser dem 
Leistenbruch keine Erkrankung nachweisen und lautete die Diagnose „Leistenbruch 
nach Contusion.“ Patient war nicht gelähmt, doch war die Kraft der Glieder be 
deutend geschwächt, besonders an der linken Seite; jede Bewegung war ihm äusserst 
schmerzhaft. Auch war seit dem Palle eine Schwäche der Innervation aufgetreten; 
Patient hatte sehr häufig Drang zur Entleerung, und wurde dieser nicht sofort be 
friedigt, so gingen Urin und Faeces unwillkührlich ab. Unter Einreiben einer Salbe 
am Rucken und elektrischer Behandlung besserte sich in den ersten Wochen der 
Zustand des P. in so rascher und erfreulicher Weise, dass P. wieder schmerzlos 
und ohne Stock umherging, und die Aerzte baldige Genesung versprachen. Der 
Gang war übrigens sehr unregelmässig, da die linken Extremitäten kraftloser waren 
als die rechten. Leider machte nach etwa 10 Sitzungen energischer elektrischer 
Behandlung die Besserung keine Fortschritte mehr. Patient bekam beim Gehen 
Schmerzen im Rückgrat, die besonders stark wurden, wenn er sich rasch umzu 
drehen versuchte. Die Haltung und der Gang wurden immer steifer und unbehol-
	        

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