Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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linken Extremitäten. Das Rückgrat ist nirgends druckempfindlich. Das Allgemein 
befinden des P. ist seit der Entlassung von Kiel stets ein gutes geblieben. An 
Körpergewicht hat P. indess nicht viel gewonnen. Er zeigt eine sehr unzufriedene, 
reizbare Stimmung; er fürchtet, nie wieder ganz hergestellt zu werden. 
Bei einem Gehversuche, den ich mit P. anstellte, mussten seine beiden Söhne 
ihn kräftig unterstützen, denn schon das Alleinstehen war unmöglich. Unterstützt 
ging er dann mit sehr steifer Haltung seines Kopfes und Rumpfes und stets mit 
gespreizten Füssen, überhaupt fand ich seinen Gang ganz entsprechend der von 
Erichsen und A. gegebenen Schilderung. Nachdem er ein paar Mal im Zimmer 
auf und ab gegangen war, war seine Kraft erschöpft, er bat, ihn wieder zu Bett 
zu bringen. 
Im Aufträge von Herrn Prof. Esmarch verordnete ich dem P. wieder Sol. 
Argent, nitric. 0,5 : 150,0 ßstdlch. 1 1 heel. Ausserdem wurde ihm bis auf Wei 
teres die Bettruhe anempfohlen, ihm jedoch gestattet, seine Glieder im Bett täg 
lich vorsichtig zu bewegen, auch wöchentlich ein Paar kurze Gehübungen zu machen 
mit Hülfe seiner Söhne. 
Zweiter Besuch am 28. April 1872. Patient erzählte mir sofort, dass 
ihm die Uebungen gut bekommen seien, dass er jetzt schon allein stehen und ein 
paar Schritte gehen könne. Ich überzeugte mich, dass dies in der That mit Hülfe 
zweier Stöcke möglich war, und liess ihn dann mit Unterstützung seiner Söhne gehen. 
Er setzt die Beine etwas geschickter und fester an, auch ermüdet er nicht so rasch. 
E>och ist Haltung und Gang noch immer charakteristisch steif und gespreizt. Das 
linke Bein beherrscht er besser als das rechte. Auch ist der Unterschied in der 
Functionsfähigkeit der Arme zu Gunsten des linken noch immer sehr ausgesprochen. 
Die rechte Hand kann noch immer nicht auf den Kopf gelegt werden. 
Dritter Besuch am 23. Juni 1872. Unter fortgesetzten häufigem und län- 
gern Gehübungen ist eine bedeutende Besserung eingetreten. Seit 14 Tagen hat P. bei 
Tage das Bett fast ganz verlassen und geht mit Hülfe zweier Stöcke in Haus und Gar 
ten herum ohne zu ermüden. Der Gang ist viel weniger steif und gespreizt; nur beim 
Umdrehen zeigt sich eine sehr grosse Unbeholfenheit. Der Unterschied in der • 
Functionsvollkommenheit der linken und rechten Extremitäten ist noch immer sehr 
deutlich. Es ist zwar keine Lähmung rechts nachzuweisen, doch agiren die Mus 
keln nicht so geschickt und energisch wie links. 
Vierter Besuch im August 1872. Nach fortgesetzten fleissigen und vor. 
sichtigen Gehübungen ist eine weitere Besserung zu constatiren, sofern P. jetzt ohne 
Stock zu gehen vermag. Er bedient sich bei seinen stundenlangen Promenaden durch 
Feld und Garten stets eines Stockes. Im Uebrigen ist eine wesentliche Bes 
serung nicht eingetreten; die rechten Extremitäten haben sich um nichts ver 
vollkommnet, das Gefühl der rechten Hand ist unvollkommen geblieben, P. hantirt 
drum am liebsten links; Haltung und Gang zeigen noch immer eine gewisse Steif- 
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