Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

16 
tertem Zustande eine kleine Brücke ohne Seitenstützen, that einen Fehltritt und fiel 
in einen circa 6 Fuss tiefen Graben. Der Stoss beim Auffallen traf die Kreuz- und 
Lendengegend. Er wurde bald nachher im Graben gefunden und, da er nicht im 
Stande war, seine Beine anzusetzen, nach Hause transportirt, wo er sich sofort zu 
Bett legte. Patient war nicht gelähmt, doch fühlte er so heftige Schmerzen in allen 
Gliedern, namentlich ein so schmerzhaftes Sangein in Händen und Füssen, dass er 
kein Glied rühren konnte. Da der Zustand sich nach mehreren Tagen nicht bes 
serte, so wurde am 4. Jan. zum Arzte geschickt. Dieser konnte bei einer sorgfäl 
tigen Untersuchung weder eine äussere noch eine innere Verletzung am Rückgrat 
nachweisen; nur zeigte sich eine grosse Empfindlickeit des Patienten gegen die 
Palpation nicht nur am Rücken, sondern am ganzen Körper. Der Arzt verordnete 
dem Patienten, der vor dem Unfälle sich stets einer guten Gesundheit und regel 
mässigen Verdauung und Stuhlentleerung erfreut hatte, seit dem Unfälle aber an 
starker Auftreibung des Leibes und gänzlicher Verstopfung litt, ein Klysma und 
ausserdem innerlich Ol. Ricin; gegen die Schmerzen wurde ihm eine Morphium- 
injection gemacht. Der Schlaf blieb aus; Stuhlgang und entsprechende Erleichterung 
fand statt am 5. Jan. Im Uebrigen jedoch verschlimmerte sich der schmerzhafte 
und lähmungsartige Zustand so sehr, dass Patient nicht die leiseste Berührung ver 
trug ohne zu wimmern. Auf Wunsch der Verwandten liess sich Patient am 13. 
Jan. zur chirurgischen Klinik in Kiel transportiren. 
Status praesens am 13. Jan. 1872. Patient liegt da mit einem auffal 
lend schmerzhaften Gesichts-Ausdrucke. Er rührt kein Glied, hält auch den Kopf 
unbeweglich steif. Auffallend ist die starke Aufgetriebenheit des Leibes. Er klagt 
über Reissen in den Schultern, Schmerzen in den Beinen und ein höchst lästiges 
Sangein, das ihn jetzt Tag und Nacht quält. Dabei hat sich seit einigen Tagen 
auch eine zunehmende Taubheit des Gefühls in den Händen, besonders der rechten 
Hand eingestellt. Patient ist nicht gelähmt, doch ist jeder Bewegungsversuch so 
schmerzhaft, besonders an den Beinen, dass Patient krampfhaft das Gesicht verzieht. 
Am leichtesten macht er noch Bewegungen des linken Armes; die rechte Hand 
• kann er nicht bis zum Kopfe bringen. Die Schmerzen sind am stärksten in den 
Beinen und werden nicht nur bei Berührung, sondern sogar durch Zurückschlagen 
der Bettdecke von ihnen enorm gesteigert; auch wenn man den prall gespannten 
Leib des Kranken berührt, schreit er laut auf über die dadurch vermehrten Schmer 
zen in den Beinen. Die Untersuchung des Rückgrats ergibt ein vollständig negati 
ves Resultat. Seit drei Tagen hat keine Stuhlentleerung stattgefunden. Das Uri- 
niren war immer regelmässig und unbehindert. Von Seiten des Sensoriums und 
der Sinnesorgane sind seit dem Unfälle nicht die geringsten Störungen aufgetreten. 
Fieberfrost und Hitze will Patient in der ganzen Zeit nicht gehabt haben. Der 
Appetit war leidlich gut. Geschlafen hat Patient fast gar nicht. 
Verordnung: Ol. Ricin; Morphiuminjection; Eis, auf das Rückgrat.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.