Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

unserm Falle die völlige Genesung viel länger auf sich warten liess, schreiben wir 
dem Umstande zu, dass Patient ohne einen Arzt zu consultiren gleich nach dem 
Unfälle durch unvernünftigen Gebrauch seiner Bewegungskraft den Zustand des er 
schütterten Markes wesentlich verschlimmert hat. Der Ausgang in vollständige 
Wiederherstellung wird zu hoffen sein, wenn entweder die Erschütterung und ihre 
primären Symptome nur mässig gewesen sind, oder wenn selbst bei heftiger Körper- 
Erschütterung und ernsten Initialsymptomen von Anfang an eine rationelle Behand 
lung stattgefunden hat. Doch hüte man sich auch in diesen Fällen vor einer allzu 
günstigen Prognose, denn die Erfahrung hat gelehrt, dass (s. Prager Vierteljahrs 
schrift B. 114, Physiologie und Pathologie des Nervensystems S. 86) „kein con- 
stantes Verhältniss zwischen der Heftigkeit der unmittelbaren und der secundären 
Folgen stattfindet. Es kann der Kranke unmittelbar nach der Verletzung collabirt 
sein und die heftigsten Rückenschmerzen' haben und doch nach wenig Stunden oder 
Tagen vollständig wiederhergestellt sein, und umgekehrt kann der Kranke anfäng 
lich noch ruhig fortarbeiten und doch nach wenigen Wochen in einen hoffnungslosen 
Zustand gerathen. Im Vergleiche zur Concussion des Gehirns hat die des Rücken 
markes überhaupt schwächere direkte Folgen, aber heftigere sekundäre Erschei 
nungen, weil auch geringe Functionsstörungen des Gehirns leichter sich bemerklich 
machen und weil dasselbe andererseits leichter zur Ruhe gebracht werden kann als 
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das Rückenmark.“ 
2) Ausgang in unvollkommene Wiederherstellung, Auch hierfür- 
bieten wir ein Beispiel in dem folgenden Falle No. 2. Die relative Genesung er 
folgt meist erst nach Monaten oder Jahren. Bis dahin haben Motilität und Sensi 
bilität des Patienten Störungen erlitten, die in der Regel nicht wieder rückgängig 
werden, denn sie entsprechen einer allmälig erfolgten partiellen Vernichtung oder 
Veränderung in der Structur des Rückenmarkes. Auch ist um diese Zeit des Still 
standes der Erkrankung die Gesundheit des Betreffenden bereits so gebrochen, dass 
er nie wieder seinen frühem Platz im Leben auszufüllen hoffen kann; häufig erfolgt 
der Tod in wenigen Jahren. 
3) Ausgang in anhaltende Krankheit resp. Tod. Für diese Form be- • 
sitzen wir in unserm Falle No. 3 ein exquisites Beispiel. Dieser Fall ist überhaupt 
für den Menschenfreund und Arzt gleich interessant. Ihn zu kennen genügt um zu 
verstehen und nie wieder zu vergessen, wie wichtig es ist mit dem Krankheitsbilde 
einer Commotio medullae spinalis vertraut zu sein, wichtig für ein segensreiches 
ärztliches Wirken, wichtig vor Allem auch in forensischer Beziehung. So oft ist 
der Mensch durch eine Rückenmarks-Erschütterung bedroht, beim Fallen, Ueber- 
fahren-, Verschütt-Werden, bei Raufereien, auf dem Schlachtfelde und ganz beson 
ders in unserer industriellen Zeit der Fabriken und Eisenbahnen. Jeder Stoss und 
Schlag, welcher den so bedrohten Menschenleib trifft, kann der Anfang eines langen 
und fürchterlichen Leidens werden, und an jeden Arzt kann die Pflicht herantreten,
	        

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