Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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dem sogar zunehmen gesehen. Wir verweisen z. B. auf den von Erichsen veröf 
fentlichten 3. Fall, der auch noch dadurch ein besonderes Interesse bietet, dass der 
betreffende Patient, ohne Narkose und ohne den mindesten Schmerz zu fühlen, sich 
beide Beine amputiren Hess dicht unter dem Hüftgelenke, aus dem originellen Grunde, 
dadurch einer unnützen Last enthoben zu sein und in seinem kleinen Wagen mehr 
Platz zu gewinnen für Bücher u. dgl. Uebrigens bemerken wir, dass dieser Fall 
nicht den Titel einer reinen Rückenmarks-Erschütterung in unserm Sinne bean 
spruchen kann. 
Solange nun die Patienten noch Bewegungen machen können, zeigen sie 
eine eigenthümliche steife und unbiegsame Haltung. Stärkere Bewegun 
gen der Wirbelsäule sind ihnen schwierig und oft unmöglich. Der Gang ist fer 
ner höchst charakteristisch. Während sie oft im Bette die Extremitäten noch 
nach allen Richtungen kräftig bewegen können, fällt doch das Stehen und Gehen 
äusserst schwer. Sie stellen, um eine grössere Basis zu gewinnen, die Beine stets 
gespreizt; ferner werden die Füsse nur höchst schwankend und unsicher angesetzt, 
und taumeln die Patienten beim Gehen wie Betrunkene. Das Rückgrat wird dabei 
ängstlich steif gehalten, auch der Kopf; am schwersten ist für sie. das Umdrehen. 
Wollen sie dieses rasch besorgen, so empfinden sie oft plötzlichen Schmerz im Rücken. 
Geht der Erkrankungsprocess vom Rückenmark über auf Medulla oblongata 
und Gehirn, oder leiden diese Parthien des Centralnervensystems von Anfang an 
gleichzeitig mit dem Rückenmark in Folge der Erschütterung, so können Krankheits 
symptome im Gebiete der Psyche und der Sinnesorgane auftreten oder es tritt durch 
Störung der lebenswichtigen Centren für Circulation und Respiration der lethale Aus 
gang ein. Indess müssen wir uns, um das Gebiet der Commotio medullae spinalis 
nicht zu verlassen, damit begnügen, diese Symptome und Complicationen angedeu 
tet zu haben. 
Endlich wollen wir noch die eigenthümliche Verschlimmerung des all 
gemeinen Gesundheitszustandes erwähnen, die in der That auch etwas Cha 
rakteristisches für unser Krankheitsbild zu sein scheint. Die Patienten, obschon sie 
in der Regel gar nicht fiebern und ihre Verdauung etc. in Ordnung ist, gewinnen in 
kurzer Zeit ein verfallenes, greisenhaftes Aussehen. Durchschnittlich erfolgt der 
Tod durch Marasmus spätestens 3—4 Jahre nach dem Unfälle. Was den Ausgang 
in den einzelnen Fällen betrifft, so können wir, abgesehen von den Fällen, welche 
in ganz kurzer Zeit tödtlich verlaufen, welche übrigens auch wol selten reine Exem 
plare von Commotio medullae spinalis, sondern mehr weniger mit Shok, Commotio 
cerebri u. dgl. complicirt sein mögen, zur leichten Uebersicht 3 Formen reiner 
Rückenmarks-Erschütterung unterscheiden: 
1) Ausgang in vollständige Wiederherstellung. Ein treffendes Bei 
spiel hierfür bietet der von uns unten veröffentlichte Fall No. 1. Es erfolgt dieser 
günstigste Ausgang meist im Verlaufe von wenig Wochen oder Monaten. Dass in
	        

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