Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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wicklungsgang dem Arzte bald die Ueberzeugung geben, dass er es nicht zu thuen 
hat mit einer groben mechanischen Beschädigung des Rückenmarks, nicht mit Zer- 
reissung oder Apoplexie oder Extravasaten im Bereiche von Mark und Häuten, 
sondern lediglich mit einer heftigen Alteration des Nervensystems in seiner innersten 
Structur, in der Organisation seiner feinsten Elementartheile, dass er es mit einem 
Worte zu thuen hat mit jenem Krankheitsbilde, welches die Autoren Commotio me- 
dullae spinalis getauft haben. 
Doch kehren wir zurück zur Symptomenreihe und betrachten wir jetzt den 
weitern Entwicklungsgang der mehr secundären Krankheitserscheinungen. 
Es können, wie wir beim Grafen de Cordat gesehen haben, Lähmungen 
Auftreten im weitern Verlaufe. Die Natur dieser Lähmungen dürfen wir nicht 
verwechseln mit der oben erwähnten scheinbaren Lähmung, die wir in manchen 
Fällen heftiger Erschütterung gleich nach dem Unfälle auftreten sehen, die aber, 
wie wir schon angedeutet haben, nicht herrührt von einer eigentlichen Zerstörung 
des Rückenmarkes, die vielmehr in Verbindung steht mit jenem — wir möchten 
sagen — Eingeschlafensein des ganzen Körpers, die deshalb auch, wie die Casui- 
stik lehrt, oft in kurzer Zeit wieder verschwindet. Die Lähmungen, von welchen 
wir jetzt sprechen, haben das Eigenthümliche, dass sie nicht plötzlich, sondern erst 
Tage, Wochen, ja Monate lang nach der Erschütterung ganz allmälig und 
schleichend auftreten. Sie können sowohl in der sensiblen als in der mo 
torischen Sphäre Platz greifen. In günstigen Pallen kommt es nicht zu solchen 
Lähmungen, oder diese erreichen nur einen gewissen Grad, stehen dann still oder 
bilden sich sogar zum Theil wieder zurück, ln ungünstigen P'ällen jedoch — und 
dies sind leider die häufigsten — schreitet die Lähmung Jahre lang langsam aber 
unaufhaltsam vorwärts bis zur absoluten Anaesthesie und Paralyse. Wir bemerken 
dann, dass dieselben Patienten, welche in den Anfangsstadien ihres Leidens vor 
wiegend über allgemeines Gliederweh klagten und zuletzt so empfindlich waren, 
dass sie auch die leisesten Reize nicht ertrugen, dass sie baten, man möge nicht 
uur nicht sie, sondern nicht einmal ihre Bettdecke berühren, wir sehen, wie solche 
Kranken nach und nach weniger über Schmerz, als über Taubheit und Abstumpfung 
ihres Gefühls in dem einen oder andern Gliede klagen, sodass sie schliesslich 
nicht mehr im Stande sind ihre Kleider zu knöpfen u. dgl. Wie die Sensibilität, 
so kann auch die Motilität verlören gehen, so dass Patient allmälig ans Bett ge 
fesselt wird und es schliesslich nicht wieder verlässt. Doch kommt es stets erst 
nach Jahren zu diesem Grade der Paralyse. Die Sphincteren pflegen am längsten 
verschont zu bleiben. Ihre Nerven entspringen bekanntlich am meisten nach innen 
und unten aus dem Rückenmarke. Die von der Lähmung ergriffenen Muskeln 
atrophiren mehr und mehr und scheinen endlich ganz zu Grunde zu gehen. 
Fs scheint einzelne Ausnahmen von dieser Regel zu geben. Man hat nämlich zuweilen 
das Gewicht des Körpers und die Fülle der lahmen Glieder nicht nur nicht ab- son- 
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