Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

10 
Schlaf nur schlecht gelingen, und statt Erquickung zu fühlen, klagt er am fol 
genden Morgen über die gleiche Müdigkeit und Erschlaffung. Patient, bis dahin 
stets ein rüstiger und eifriger Geschäftsmann, stets im Vollbesitze seiner Körper- 
und Geisteskraft, beginnt nun trotz der Ermüdung und des Unbehagens sein ge 
wöhnliches Tagewerk und entwickelt eine angestrengte ITätigkeit. Doch fühlt er 
sehr, wie schwer ihm jede körperliche und geistige Arbeit wird, sie kostet immer 
mehr Ueberwindung und bald (nach einem Zeiträume, der nach Verschiedenheit der 
Fälle auch an Dauer verschieden ist, vielleicht von einem oder zwei Tagen, auch 
einer Woche und mehr) sieht er sich unfähig zu weiterm Schaffen. Der Zu 
stand beunruhigt ihn; er schickt zum Arzte. Dieser lässt sich den Unfall erzählen, 
untersucht genau, kann aber durchaus keine objectiven Symtome einer Erkrankung 
entdecken. Er räth einige Tage Schonung an, hoffend, dass Patient damit herge- 
stellt werde. Doch bessert sich der Zustand nicht. Das unheimliche Gefühl von 
Zittern und Sangein kehrt häufig wieder, mehr und mehr klagt Patient über zie 
hende Schmerzen in den Gliedern. Dies Gliederreissen wird stärker beim 
Gebrauch der Glieder, drum zeigt sich beim Gehen eine vorsichtige, eigen- 
thümlich steife Haltung, weil bei dieser die Schmerzen am geringsten sind. 
Diese Symptome machen den Arzt besorgt. Er untersucht nochmals genau, 
findet aber nichts Verdächtiges. Doch räth er jetzt dringend zu absoluter Ruhe im 
Bette. Hierbei mildert sich zwar das Gliederweh, doch fühlt der Patient im All 
gemeinen keine Besserung, er merkt im Gegentheil eine zunehmende Schwäche 
und Steifigkeit der Glieder. Nachdem Patient bis dahin muthig und hoffnungs 
voll geblieben, wird er jetzt sehr niedergeschlagen. Noch glaubt er sich zwar nicht 
ernstlich und dauernd verletzt, doch fühlt er, dass seine Geistes- und Körper 
kraft gebrochen, dass seine Energie dahin ist, dass er alle Lust verloren hat. 
Auch seine Umgebung und die Freunde merken, dass er nicht mehr der Alte ist, 
und er selbst überzeugt sich allmälig mit Ergebung, dass er doch wol ernstlicher 
beschädigt und gefährdet ist, als er anfänglich geglaubt hat. 
Dies wäre ungefähr eine Schilderung des Anfangsstadiums und der primären 
Symptome einer Rückenmarks-Erschütterung. Wir finden die hervorgehobenen Symp 
tome mehr weniger in allen bis jetzt beobachteten Fällen von Commotio medullae 
spinalis und werden gewiss den ganzen Symptomencomplex im gegebenen Palle 
nicht leicht verkennen. Auch darf uns das Fehlen oder die geringere Prägnanz 
des einen oder andern jener Symptome nicht irre machen. Ist z. B. ein Erschüt 
terter gleich nach dem Unfälle wie gelähmt dagelegen, hat er nach Hause trans- 
portirt werden müssen, und sind gleich Symptome der bedenklichsten Art in der 
sensiblen und motorischen Sphäre aufgetreten, so kann Dies auch den mit dem 
Krankheitsbilde einer Rückenmarks-Erschütterung vertrauten Arzt eine Zeit lang im 
Zweifel lassen über die Natur der Schädlichkeit, welche das Centralnervensystem 
erlitten hat, doch wird der ganze Symptomencomplex und sein eigentümlicher Ent-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.