Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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pers, wie sie leider schon so häufig durch Eisenbahnunglücke vorgekommen sind. Wir 
sehen nämlich, wie in vielen solchen Fällen die betroffenen Individuen, nachdem sie 
sich von dem ersten Schrecken erholt und sich überzeugt haben, dass sie keine 
oder nur geringe äussere Verletzungen davon getragen haben, sich oft durchaus kei 
ner weiteren Gefahr bewusst sind. Sie helfen drum thatkräftig ihren unglücklichen 
Reisegefährten, sind hülfeleistend Stunden lang thätig ohne zu ahnen, wie gross 
das eigene Unglück werden wird, dass der erlittenen Erschütterung seine Entstehung 
verdankt. Die „railway spine“ der Engländer, die „Eisenbahnrückgratsverletzung“ 
zeichnet sich überhaupt aus durch eine grosse Prägnanz der Krankheitssymptome. 
Etwas Wesentliches hat sie indess nicht voraus vor dem Symptomencomplexe einer 
jeden Rückenmarks-Erschütterung, wie sie sonst im Leben beobachtet wird. So war 
das Symptom, von welchem wir handeln, ja auch beim Grafen de Cordat in sehr 
exquisiter Weise vorhanden. Auch finden wir es deutlich ausgeprägt in dem von 
uns unten erzählten P'alle No. i. 
Ein höchst auffallendes Symptom, welches fast niemals vermisst wird, ist ein 
eigenthümliches Gefühl von Zittern im ganzen Körper, ein schmerzhaftes Zie 
hen in allen Gliedern, ein Stechen und Brennen, welches die Patienten wie von 
„Spitzen und Nadeln“ herührend bezeichnen, ein Prickeln und „Sangein“ (San- 
geln, Provinzialismus für Kribbeln, Ameisenkriechen) besonders in Händen und 
Füssen, welches wol verglichen werden kann mit dem bekannten Eingeschla 
fensein eines Gliedes, welches aber jedenfalls viel unangenehmer und schmerzhafter 
ist, schon wegen seiner allseitigen Verbreitung durch den erschütterten Körper. 
Dies Gefühl kann gleich nach der Erschütterung von solcher Intensität sein, dass 
sich der Betroffene wie gelähmt und zerschlagen fühlt und, obschon keineswegs 
gelähmt im gewöhnlichen Sinne, doch nicht im Stande ist überhaupt nur einen 
Versuch zu machen, sich zu erheben oder zu gehen. Es erinnert uns dies unwill- 
kührlich an das höchst fatale Gefühl, welches wir zuweilen in einem eingeschlafenen 
Beine haben, wobei es uns für den Augenblick oft absolut unmöglich ist das Glied 
zu bewegen, oder an die Empfindung, welche wir in der Kindheit hatten, wenn wir 
mit einiger Heftigkeit auf den Steiss fielen. Bei dem Erschütterten ist auch jenes 
Gefühl gewöhnlich vorübergehend und hindert ihn dann nicht, sich zu erheben 
und einstweilen seine Glieder noch zu gebrauchen. Er gratulirt sich, mit dem 
Schrecken davon gekommen zu sein und reist heim. 
Nach seiner Ankunft zu Hause merkt er aber, dass der Unfall doch heftig 
auf seinen Körper eingewirkt hat; er fühlt sich sehr angegriffen und ermü 
det und während er so dasitzt und seiner Familie von dem glücklich überstandenen 
Missgeschick erzählt, kommt ganz von selbst das fatale Gefühl von Sangein, wie er 
e s beim Unfälle auch gehabt hat. Doch beunruhigt ihn dies nicht sehr. Er trifft 
uoch seine Anordnungen für den folgenden Tag und geht dann früh zu Bett, um 
sich durch einen guten Schlaf von seiner Müdigkeit zu erholen. Doch will der 
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