Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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vieler Variationen, unter welchen es uns begegnen kann, doch überall in seiner 
Eigenart wiedererkennen werden. 
Zum Studium dieses Krankheitsbildes wollen wir zunächst einen von Dr. Maty 
genau beschriebenen Fall skizziren, von welchem Erichsen sagt, dass er typisch sei 
für die ganze Klasse von Rückgratsverletzungen, welche man mit dem Namen ,,Er 
schütterungen “ bezeichnet. 
Graf de Cordat, ein französischer Officier, wurde mit seinem Wagen umge 
worfen und fiel einen hohen Abhang hinunter. Er erlitt keine Verletzung am Rück 
grat, spürte im Augenblicke keine grosse Unbequemlichkeit und konnte zur nächsten 
ziemlich fernen Stadt gehen. Nach mehreren Tagen setzte er die Reise zu seinem 
Regimente fort und machte alle Unbequemlichkeiten des Feldzuges mit. Etwa sechs 
Monate nach dem Unfälle zeigten sich Symptome von Lähmung am linken Arm, 
der auch bald anfing zu atrophiren. Die Lähmung schritt langsam fort, dehnte sich 
auch auf die andern Extremitäten aus. Die Sphinkteren blieben intact. Mit der 
Lähmung verschlimmerte sich das Allgemeinbefinden ganz allmälig und nach vier 
Jahren erfolgte der Tod durch Abnahme der Kräfte. 
Charakteristisch an diesem interessanten Falle ist das Fehlen jeder Verletzung 
am Rückgrat, die geringe Unebquemlichkeit unmittelbar nach dem Unfälle, das erst 
nach Monaten erfolgende Auftreten von Lähmung, das sehr langsame Fortschreiten 
derselben, die allmälige Verschlimmerung des Allgemeinbefindens, der Tod durch 
Marasmus. 
Gehen wir nun, zunächst anknüpfend an diesen Fall, etwas näher ein auf 
die einzelnen Krankheitssymptome und deren Varianten bei der Commotio medullae 
spinalis. 
Das Fehlen jeder nachweisbaren groben Verletzung am Rückgrat ist 
so zu sagen die conditio sine qua non für die Diagnose „Rückenmarks-Erschütte 
rung.“ Wohlgemerkt sehen wir dabei ab von ganz unwesentlichen Verletzungen, 
oberflächlichen Verwundungen, wie sie Haut und Weichtheile treffen können, ohne 
die im Rückgratskanal verborgenen Organe im Geringsten zu behelligen. Sobald 
wir aber im Stande sind, eine gröbere Laesion dieser Organe zu eruiren, hat die 
Diagnose „Rückenmarks-Erschütterung“ jede Berechtigung verloren. 
Die geringe Unbequemlichkeit unmittelbar nach dem Unfälle ist 
eins der prägnantesten Symptome bei sehr vielen Fällen und für die Diagnose 
„Rückenmarks-Erschütterung“ sehr zu verwerthen, denn der Umstand, dass ein 
Mensch nach einer erlittenen Körpererschütterung Stunden und 'Page lang keine 
besondere Unbequemlichkeiten verspürt, dass er im Stande ist, noch weite Strecken 
zu gehen und noch lange Zeit seine mit geistiger und körperlicher Anstrengung 
verbundenen Berufspflichten zu erfüllen, dieser Umstand ist ein schlagender beweis 
für das Fehlen jeder gröberen Beschädigung des Rückenmarkes. Besonders aus 
geprägt ist jenes Symptom in Fällen von heftiger Erschütterung des ganzen Kör-
	        

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