Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Beinen halten konnte, und im Zimmer umherzuirren. Anfangs suchte er sich Nachts 
in das Bett seiner Nachbarn einzuquartiren, später verliess er das Zimmer, irrte auf 
dem Corridor umher und drang in andere Zimmer ein, konnte dann aber, wenn ihm 
das verwiesen wurde, nicht wieder zurecht finden. Mit der Zeit nahmen diese Wahn 
vorstellungen eher zu als ab: und, auch schon vor seiner Aufnahme in das Kranken 
haus hatten sich hie und da bei ihm Symptome von Geisteszerrüttung geäussert, schon 
in seinem letzten Logis hatte er in den letzten 4 Wochen, in denen sich sem Allge 
meinbefinden überhaupt so sehr verschlimmerte, ein ähnliches Benehmen gezeigt. 
Der wichtigste Punkt, den der Krankheitsverlauf unseres Falles darbietet, ist 
aber das Verhalten der Körpertemperatur, in dem freilich noch manches dunkel ei^ 
scheint. Weder für die anfängliche, excessive Abkühlung, noch für das terminale, sein- 
hohe Fieber, waren genügende örtliche Ursachen nachzuweisen. Doch sehen wir uns 
zunächst nach Anhaltspunkten in den im Anfänge mitgetheilten Fällen von subnor 
maler Temperatur um. Die. 3 Fälle des Dr. Weiland betreffen Personen, die längere 
Zeit bei ziemlich kalter Lufttemperatur in betrunkenem Zustande im Freien gelegen 
hatten; sie bieten zum Vergleich mit unserm Falle keine Anhaltspunkte. Freilich 
hatte unser Patient auch fast l 1 /* Tage nach reichlichem Alkoholgenuss auf einem 
nicht geheizten Zimmer zugebracht, aber das allein genügt nicht, diese abnorme Ab 
kühlung zu erklären, da er doch die ganze Zeit im Bett gelegen hat. — Der Niedens,che 
Fall, der eine Temperatursenkung nach Verletzung des obern Theils des Rückenmarks 
betrifft, kann ebenfalls nicht zum Vergleich herangezogen werden. 
Am meisten zählt unser Fall zu denen, die Loewenhardt uns mittheilt, wenn 
er auch in einzelnen Punkten w-ieder von ihnen ab weicht. Mit ihnen hat er gemeinsam, 
dass sie auch Personen betrafen, die ebenfalls alle geistesgestört waren- Dieser Um 
stand scheint auf eine, functioneile Störung des der Wärmeregulirung vorstehenden 
nervösen Centrums hinzudeuten. Auch Loewenhardt glaubt als Ursachen für die niedern 
Temperaturen seiner Fälle neben äusseren Schädlichkeiten noch Veränderungen im 
Gehirn annehmen zu müssen, die möglicherweise das Centrum für die \\ ärmeregulb 
rung mitbefallen hätten. Er sagt hierüber (Zeitschrift für Psychiatrie XXV, 5 und 6, 
S. 724 und 725): „Es fragt sich nun, ob die äusseren Schädlichkeiten auf so herunter 
gekommene, marastische Patienten einwirkend, an sich allein genügten, die ungewöhn 
lichen Temperatursenkungen hervorzurufen, und die Körperwärme andauernd so niedrig 
zu erhalten. So wenig ich dies verneinen kann, so scheint mir doch dagegen zu 
sprechen, dass ich dieselben schädlichen Einflüsse bei andern unruhigen , ebenfalls 
schon, erschöpften Kranken ohne solche Wirkung beobachtet habe, und zwar ist dies 
viel häufiger der Fall. Das Gehirn (und Medull.) ist sicher in den oben erzählten 
Fällen als erkrankt, und eine Gehirnerkrankung ist als Ursache der andauernden lob 
sucht, Unruhe, Schlaflosigkeit, später der paretischen und Krampferscheinungen anzu- 
nehrnen. Möglich, dass ein Theil des Gehirns während der Krankheit in Mitleidenschaft
	        

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