Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Es ist in unserra Fall vor allein andern das' merkwürdige Verhalten der 
Temperatur, das unsere ganze Aufmerkamkeit in Anspruch nimmt und jetzt noch 
eine kleine Besprechung erfordert. Bevor ich aber zur Erörterung dieses wichtigsten 
Bunktes übergehe, möchte ich erst noch auf zwei andere Momente des Krankheits- 
Verlaufes mit kurzen Worten hinweisen: auf die Bewusstlosigkeit des Patienten bei 
seiner Aufnahme und auf die Geistesstörung desselben. 
Als unser Patient am 26. Januar in bewusstlosem Zustande in das Kranken 
haus gebracht wurde, war es die nächste Aufgabe, zu ermitteln, worauf dieser Zustand 
beruhe. Apoplexie konnte man von vornherein durch das Fehlen von Lähmungser 
scheinungen, Vergiftung mit Alkaloiden durch das normale Verhalten der Pupillen 
a usschliessen. Es blieben also als Ursachen hauptsächlich nur noch Uraemic, Ver 
giftung durch Kohlenoxydgas und ganz abnormes Verhalten der Eigenwärme zu be 
rücksichtigen übrig. Das Thermometer, das eine Mastdarmtemperatur von nur 28,4“, 
eine Stunde später sogar nur 28,2° C. anzeigte, entschied für die zuletzt genannte 
Ursache — Wenn die Körpertemperatur des Menschen gewisse Grenzen nach beiden 
Seiteh hin, besonders plötzlich, überschreitet, so schwindet meist sehr bald das Be 
wusstsein. Bei hohem Fieber haben wir öfter Gelegenheit, Bewusstlosigkeit zu beob- 
ac hten, wenngleich jetzt, seitdem man dasselbe mit kaltem Wasser und grossen Dosen 
Uhiriin mit so glücklichem Erfolge bekämpft, lange nicht mehr so häufig wie früher, 
wo sie bei jeder schweren fieberhaften Krankheit zur Regel gehörte. Ebenso pflegt 
81e sich bei tiefen Senkungen der Eigenwärme, die z. B. nach Einwirkung hoher Kälte 
grade stattfinden, regelmässig einzustellen; dem Tode durch Erfrieren geht sie jedes 
Mal voran. In den 3 Fällen, die Dr. Weiland in seiner Dissertation mittheilt, 
wurden die Patienten ebenfalls sämmtlich vollkommen bewusstlos aufgenommen. — 
Bass auch in unserem Falle die Bewusstlosigkeit der excessiv niedrigen Eigenwärme 
zuzuschreiben ist, beweist der Erfolg der eingeleiteten Therapie. Denn schon die ersten 
beiden warmen Bäder, die einige Stunden nacheinander gegeben wurden, brachten mit 
^ er Steigerung der Körpertemperatur auch die Besinnlichkeit wieder, so dass Patient 
schon am Abend, einige Stunden nach der Aufnahme, einzelne an ihn gerichtete 
hragen in ziemlich gehöriger Weise beantwortete. 
Während nun Patient sich aus dem soporösen Zustande mehr und mehr er 
holte, Hess er sogleich durchblicken, dass es mit seinen geistigen Functionen nicht 
ganz in Ordnung sei. Schon am zweiten Tage seines Aufenthalts im Krankenhause 
wurden Zeichen von Geistesstörung bei ihm bemerkt: er gab zu verstehen, dass er 
»ach Kiel reisen wolle, um sich dort in das Hospital aufnehmen zu lassen, da er sich 
kr ank fühle. Später äusserten sich diese Störungen in fortwährenden Hallucinationen, 
( lie aber unschuldiger und vielfach heiterer Natur waren. In der Regel glaubte er 
sich auf Reisen. Diese Empfindung war auch unzweifelhaft die Ursache eines häufiger 
hervortretenden Triebes, sein Bett zu verlassen, sobald er sich wieder auf Seinen
	        

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