Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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fülle geraume Zeit todt sind, sollen stets gesund gewesen sein. Er selbst nahm nach 
eigenen und anderer Angaben von jeher regelmässig Alkohol in grosser Menge zu 
sich, schon als Lehrling war er so sehr dem Trünke ergeben, dass ihn sein Lehrherr 
Forfjagen musste. 
Etwas genaueres erfuhr ich über das letzte Jahr, und besonders über die 
letzte Zeit vor seiner Aufnahme in das Hospital, von seiner Wirthin, einer hiesigen 
Gastwirthsfrau, bei der er in dieser Zeit wohnte ; fiber sein früheres Leben konnte 
sie mii auch nur die oben erwähnten Mittheilungen machen. In diesem letzten Jahre, 
erzählte sie, sei er ziemlich gesund gewesen, habe sehr viel Schnaps — etwa für 18 
bis 20 Schillinge den Tag — getrunken und nur wenig gegessen. In den letzten 
^ ^ ochen sei er, allmählich zunehmend, immer flauer und schwächer geworden, so 
dass sie ihn abends, allerdings immer nach reichlichem Alkoholgenuss, aus der Wirths- 
stube in sein Schlafzimmer tragen lassen musste. Nachts sei er öfter sehr unruhig- 
gewesen und umhergegangen, so dass seine Schlafgenossen, um durch seine Besuche 
nicht gestört zu werden, ihm meist seine Kammer verriegelt hätten. Am vorletzten 
Tage vor seiner Aufnahme in das Krankenhaus habe er 10 Gläser Kirschschnaps 
getrunken, sei dann eingeschlafen und zu Bett gebracht, habe sich aber am andern 
Morgen nicht wie sonst zum Frühstück eingefunden. Sie sei dann zu ihm gegangen 
und habe ihn kränker als vorher gefunden. Er habe dann den ganzen Tag und auch 
die nächste Nacht unter Aufsicht einer Wärterin auf seiner Kammer, die nicht geheizt 
war, meist unbesinnlich im Bett gelegen, bis er am folgenden Morgen in das Hospital 
transportift worden sei. 
Die \\ irthin will während der letzten Zeit auch noch sonstige Zeichen von 
Geistesstörung bei dem Patienten wahrgenommen haben. 
Status praesens am 26. Januar. Datient wird um 11 Uhr Vormittags vollkom 
men bewusstlos in das Krankenhaus gebracht; auf Anreden und Rütteln antwortet 
er nur ganz unzusammenhängende Worte und ist auf keine Weise aus seinem tiefen 
Sopor zu erwecken. Er ist ein grossgewachsener Mann, von auffallend schlaffer 
Muskulatur, aber bedeutender Fettentwicklung. Haut welk und trocken, mit Epidermis- 
schüppchen bedeckt. An den Armen und Beinen zahlreiche blaue, braunrothe und 
gelblich verfärbte Flecke, die von Contusionen herzurühren scheinen. Das rechte 
Handgelenk ist durch einen Erguss etwas angeschwollen. Pupillen gleich weit und 
von normaler Reaction. — Die physikalische Untersuchung der Brust- und Unterleibs- 
oigane ergiebt. nichts pathologisches. Die Herzbewegung ist sehr langsam und schwach: 
o2 Cont,rationell in der Minute; der IRadialpuls absolut nicht fühlbar. Respiration 
massig lief, 16 Athemzüge in der Minute. Temperatur im Rectum, im Moment der 
Aufnahme gemessen 28,4° C., sie sinkt, obgleich Patient im geheizten Zimmer und 
im Bett gut zugedeckt erhalten wird, eine Stunde später dennoch auf 28,2°.
	        

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