Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

fortschreitender allgemeiner Marasmus durch eine rasche Abnahme des Körpergewichts 
kund that; bei keinem derselben hob sich die Temperatur nach der ungeheuren 
Senkung wieder bis zur Norm. 
Neuerdings ist noch ein Fall von niedriger Körpertemperatur von Dr. Nieden 
beobachtet (mitgetheilt von Dr. Weber in London, the Lancet, 8. Februar 73), wo sich 
bei einem 60jährigen Manne nach einem Fall auf die ausgestreckten Hände complete 
Lähmung der untern Extremitäten, der Brust, des Rückens und der Blase einstellte, 
und eine Körpertemperatur von 35,0° C. in der Achselhöhle bei 52 kräftigen Puls 
schlägen sich 'zeigte. Nachdem dann die Temperatur zur Norm zurückgekehrt war, 
sank sie vom dritten Tage an allmählich, aber stetig, bis sie im Moment des Todes, 
am 11. Tage nach der Verletzung, 27,0° C. in der Achselhöhle betrug. Der Puls 
Uahm, der Temperatur entsprechend, ebenfalls an Stärke und Frequenz — bis zu 34 
Schlägen in der Minute — ab. Das Bewusstsein erhielt sich bis zu einer Achsel 
temperatur von 27,5° C. Bei der Section fand man eine Luxation des ersten gegen 
den zweiten Brustwinkel, einen Bluterguss in den saccus durae matris spinalis und 
Erweichung des Rückenmarks daselbst zu einem röthlichen Brei. 
Unser Fall hat am meisten Aehnlichkeit mit den Loewenhardt’schcn, weicht 
jedoch darin von denselben ab, dass, während dort die subnormale Temperatur bis 
z um Tode anhielt, hier eine Erhebung der im Rectum auf 28,2° C. gesunkenen 
Temperatur zur Norm gelang; er zeichnet sich aber dadurch vor allen bis jetzt be 
kannten aus, dass, nachdem längere Zeit hindurch Normaltemperatur bestanden hatte, 
sogar kurz vor dem Tode eine Steigerung der Eigenwärme bis auf 41,4° C. erfolgte. 
Es bewe gte sich also die 'Temperatur in einer mässig langen Zeit — 26. Januar bis 
•k März — innerhalb 13 Graden. 
Krankengeschichte. 
Potator. — Subnormale Temperatur. — Zeichen von Geistesstörung. — Herstellung 
normaler Ernährungs- und Wärmeverhältnisse.— Terminales hohes Fieber ohne nachweis 
bare örtliche Ursa,che. — Dauer der Krankheit etwas 'über l Monat. 
Ohr. B. aus Kiel, 56 Jahre alt, Gärtner, aufgenommen den 26. Januar, gestorben 
den 3. März 1873. 
Ueber das vergangene Leben des Patienten ist nur wenig zu ermitteln. Er 
lst über 20 Jahre in Nordamerika gewesen, und zwar wie es scheint, an verschiedenen 
^teilen und verschiedenen Berufsarten obliegend. Er hatte sich dort so viel Vermögen 
erworben, dass er in den letzten 5 Jahren hier in Kiel, ohne arbeiten zu müssen, 
v on seinem reichlichen Auskommen lebte. Während dieser Zeit soll er mit Ausnahme. 
v on einigem, allerdings längere Zeit anhaltendem Gliederreissen, leidlich gesund ge 
wesen sein. Er ist angeblich unverheirathet und kinderlos. Seine Eltern, die schon
	        

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