Full text: Schriften der Universität zu Kiel aus dem Jahre 1873 (Band XX.)

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Bei der Untersuchung des rechten Beines ergiebt sich vollständige Throm- 
bosirung im Gebiete der vena cruralis; der difforme Callus an der Fractur des 
Unterschenkels ist sehr fest, mit den Händen nicht mehr zu durchbrechen. In dem 
die Tibia verbindenden Callus ist eine taubeneigrosse Eiterhöhle, in welchen sich 
einige nekrotische Knochensplitter befinden. 
Die Symptome, welche der Kranke am 27. und 28. Oct. bot, stellten die 
Diagnose Typhus abdominalis ausser allem Zweifel, und es wurde demgemäss die 
Therapie eingeleitet, wie sie in der Krankengeschichte erwähnt ist. Als nun am 29. 
Oct. der Kranke lebhaft delirirte und sich zu wiederholten Malen einen schlechten 
Menschen nannte, der nichts Besseres thun könne, als sich tödten, wurde der Wärter 
angewiesen, nur dann das Zimmer zu verlassen, wenn ihn ein anderer Wärter ablöse. 
Man kann also den Aerzten keinen Vorwurf machen, wenn dem Kranken jener 
unglückselige Sprung gelang. Auch den Einwand, dass öfter hätte gebadet werden 
sollen, wird man aufgeben, wenn man weiss, welches Wärterpersonal wir zur Verfügung 
hatten. Dies bestand nämlich nur aus solchen Leuten, die in der Krankenpflege 
durchaus unerfahren waren, und sich nur deshalb hierzu gemeldet hatten, weil sie 
durch den Krieg resp. durch den Abmarsch der gesammten Garnison ihre Arbeit 
verloren hatten; dass mit diesen Leuten, denen nicht einmal die Bestimmung der 
K.-T. überlassen werden konnte, in der ersten Zeit das Baden mit grossen Schwierigkeiten 
verbunden war und nur in Gegenwart des Arztes geschehen konnte, ist klar. 
Von dem Augenblick an, wo der Kranke sich die complicate Fractur zugezogen 
hatte, wurde natürlich die Behandlung eine weit schwierigere. Als erste Indication 
bei der Therapie des Typhus ist nach dem jetzigen Stande der Wissenschaft die 
Bekämpfung des Fiebers anzusehen, und uns stehen dazu die innerliche Anwendung 
des Chinin und die directe Herabsetzung der K.-T. durch kalte Vollbäder zu Gebote; 
von wie unendlichem Werthe die letzteren sind, wird jetzt von allen Seiten anerkannt. 
Aber waren sie bei unseren Kranken nicht ungemein erschwert, ja zeitweise fast 
unmöglich? es wurde also die Application mehrerer Eisbeutel verordnet. Obschon 
wir nicht bestreiten wollen dass hierdurch keine so energische Verminderung der 
K.-T. bewirkt wird, als durch kalte Bäder, so wird man doch zugeben, dass die 
beständige locale Wärmeentziehung einen Einfluss auf die Temperatur des Gesammt- 
organismus ausübt; denn neuere Untersuchungen haben ergeben, dass continuirlich 
angewandte Eisumschläge ihre Wirkung nicht nur auf die äusseren Körperwandungen, 
sondern auch auf die tiefer liegenden Weichtheile, ja selbst auf die Knochen ausüben. 
Freilich zeigt unser Fall, dass in einer Hinsicht die günstigen Erfolge der kalten 
Bäder durch dies Verfahren auch nicht im Entferntesten erreicht werden, vielmehr 
sind wir überzeugt, dass bei keiner Therapie dem Entstehen der hypostatischen.
	        

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